Gegenwartsästhetik

Kategorien für eine Kunst und Natur in der Entfremdung

 

Ein Projekt in Anknüpfung an das von der VolkswagenStiftung geförderte Verbundforschungsprojekt Konsumästhetik – Formen des Umgangs mit käuflichen Dingen.

Publikationen zum Projekt Konsumästhetik:

Richard, Birgit/Müller, Jana/Blechinger, Eleni (Hg.): Konsumfashionista. Mediale Ästhetiken des Modischen, Paderborn 2017.

Richard, Birgit u.a.: Hamster Hipster Handy. Bilder-Geschichten zum Mobiltelefon, Bielefeld/Berlin 2015. [Ausstellungskatalog]


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Angesichts einer hyperästhetisierten Gegenwart, in welcher Ästhetik nicht mehr nur in etablierten und tradierten Bereichen wie dem Museum oder der Kunstsphäre verhandelt wird, ist es notwendig, traditionelle Beschreibungskategorien zur Erschließung jener auf Grundlage ihrer gegenwärtigen Erscheinungsformen zu überdenken und zu entgrenzen.
In Anbetracht dessen besteht das Ziel der gemeinsamen Arbeit des Forschungsverbundes der Universitäten in Frankfurt und Münster sowie der HfG Karlsruhe ­– anknüpfend an die gewonnenen Erkenntnisse aus dem Vorgängerprojekt – in der Etablierung einer Gegenwartsästhetik im Spannungsfeld zwischen Kunst, Popkultur, Ökonomie und Natur.

Ins Zentrum der Forschungsarbeit sollen jene ästhetischen Phänomene, Praktiken und Begriffe rücken, die nach überkommener, aber nach wie vor vielfach geteilter Ansicht von der Kultur des Kapitalismus kontaminiert und daher als ‚entfremdet‘ erscheinen:

  1. Ökonomisch zugerichtete Vorstellungen von Kreativität, die den modernen Künstlerbegriffen ihr widerständiges Potenzial entwunden zu haben scheinen, und ihre Produkte.
  2. Die Erscheinungsformen auf mobilen Medienoberflächen wie dem Smartphone, dem Tablet oder dem PC.
  3. Kommunikationspraktiken, in denen Gegenwartsphänomene ästhetisch konzipiert und gewertet werden.
  4. Eine im Zeichen des Anthropozän umgestaltete und gefährdete Natur, jenes neben der Kunst zweiten klassischen Bewährungsfelds des Ästhetischen.

 
Das Vorhaben umfasst vier Teilprojekte: Im Kreativitätspositiv; Poiesis und Ästhetik in Stilgemeinschaften normalisierten Spektakels; Cute und glitch: Kleine (vernakuläre) Ästhetiken in kleinen (minor) Medien; Der Mensch greift ein. Konzeptionen des Naturschönen in Ästhetisch-Plastischer Chirurgie und der Mediatisierung des Klimawandels.

Zum Projektende ist eine Ausstellung zum Thema cute geplant, die als visueller Inkubator des Forschungsprojektes dient, dessen wissenschaftliche Erkenntnisse verdichtet und diese einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen soll.

Projektbeteiligte: Prof. Dr. Heinz Drügh, Prof.*in Dr. Birgit Richard (Frankfurt), Prof. Dr. Moritz Baßler (Münster) und PD Dr. Daniel Hornuff (Karlsruhe), Jana Müller, Niklas Reischach, Dr. Katja Gunkel (Assoziierte Wissenschaftlerin)

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Cute und glitch:
Kleine (vernakuläre) Ästhetiken in kleinen (minor) Medien
Teilprojekt von Prof.*in Dr. Birgit Richard

Im gegenwärtigen Zeitalter des „Internets der Dinge“ (Ashton 2009) sind Medien nicht bloß omnipräsente Strukturen der Repräsentation, zudem kontrollieren, überwachen, vermessen und ökonomisieren sie gesellschaftliche Abläufe und Lebensweisen (Sprenger 2015/Hansen 2014). Nahtlos mit alltäglichen Lebenswelten verwoben und derart ununterscheidbar geworden (Weiser 1991), begleiten mediale Technologien heutzutage den Status von „everyware“ (Greenfield 2006).
Vor diesem Hintergrund fragt das Teilprojekt nach jenen Schlüsselästhetiken und Bildkomplexen (Richard 2003), die im Internet des Web 2.0 genutzt werden, um die technologische Verfasstheit der Gegenwart audiovisuell zu inszenieren. Es soll erforscht werden, inwieweit im Alltag unsichtbare mediale, datenverarbeitende Infrastrukturen und hierbei insbesondere gegenwärtig dominante technologische Strömungen – wie Wearable Computing (Mann 1998), Ubiquitous Computing (Weiser 1991), Virtual und Augmented Reality, Smart Objects im Internet der Dinge und Big Data (Mayer-Schönberger 2013) – neuartige Ästhetiken in Popkultur und Kunst hervorbringen, fördern und vor allem sichtbar werden lassen. Der schieren Quantität von Big Data soll die Qualität kollektiv-nutzergenerierter Inhalte und geteilter Ästhetiken gegenübergestellt werden. Das Web 2.0 und im Speziellen dessen – an der Schnittstelle zwischen Kunst und Popkultur angesiedelte – „minor media“ (Broeckmann 2000) Meme (Shifman 2013) und Fanart (Jenkins 1992), ihre Präsentationsplattformen und Anwendungskontexte stellen das primäre Untersuchungsfeld dar. Mit cute und glitch fokussiert die Analyse außerdem zwei „kleinere“ ästhetische Kategorien (Ngai 2012), die – so die Hypothese – im Umgang mit den Herausforderungen und Zumutungen durch zeitgenössische Technologien und ihre pulverisierten Medien, welche die „mindsets“ der westlichen Gesellschaften längst durchzogen haben, als dominante Verarbeitungs- und Bewältigungsstrategien fungieren.

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Dissertationsprojekte im Rahmen des Verbundforschungsprojektes

betreut von Prof.*in Dr. Birgit Richard


Niklas Reischach
Glitch: Zur gegenwärtigen Störanfälligkeit des Technologischen
Ästhetiken der Entgrenzung von Technologien in Fanart und Internetmemen in Relation zu medialen Maskulinitäten in Kunst und Popkulturen


Die Ästhetik des glitch steht für die Experimentierfreude im Umgang mit den Störanfälligkeiten von Medientechnologien, wie z. B. Programmierfehler in Games, Google-Deep-Dream-Transformationen oder 3D-Druck-Fails. Als Untersuchungsfeld in der Popkultur dienen Computerspiele, im Kontext der Medienkunst werden Glitches in Anknüpfung an künstlerische Ästhetiken des Zufalls und der Störung gegen reibungslose Abläufe von Programmen gesetzt (Holmes 2012). In ihrer Funktion als „Störung der Verweisung“ (Geimer 2002), als „Rauschen“ des Realen (Kittler 1986), lassen unbeabsichtigter Defekt und Dysfunktion (Goriunova/Shulgin 2008) die Materialität eines Mediums hervortreten. Derart als ästhetische Strategie der Sichtbarmachung von „inmateriellen“ (van den Boomen 2009) Technologien verstanden, eröffnen glitches Möglichkeiten der Auseinandersetzung und Verhandlung des andernfalls Abwesenden bzw. Unsichtbaren (Menkman 2011).

 

Jana Müller
Cute: Zur Verniedlichung der technologischen Gegenwart
Ästhetiken des Niedlichen in Fanart und Internetmemen in Relation zu medial konstruierten Feminitäten in Kunst und Popkulturen

Die Cute-Ästhetik konzentriert sich demgegenüber auf ästhetische Phänomene der Niedlichkeit, insbesondere die Verniedlichung von hochkomplexen technologischen Apparaten. Hierdurch wird herstellerseitig eine Komfortzone des Technologischen, ein Wohlbehagen wie -gefallen im Umgang mit technologischen Artefakten geschaffen. Darüber hinaus ist cute als femininer Marker aus gendertheoretischer Perspektive geeignet, die medienstrukturelle Verfasstheit von Technologien kritisch hinsichtlich impliziter Geschlechternormierungen zu befragen.

Die Suchergebnisse bzw. das zu untersuchende Datenmaterial soll aus zwei zentralen populärkulturellen Feldern des Internets – Meme und Fanart – sowie aus dem Bereich gegenwärtiger Medienkunst gewonnen werden. Dementsprechend konzentriert sich die Datenerhebung einerseits auf Internetbilder, die innerhalb der gegenwärtig populärsten Social-Media-Plattformen und Online(-Fan-)Communities (z.B. Instagram, Snapchat, Twitter, Vine, 9Gag, YouTube, DeviantArt und Animexx) zirkulieren, und andererseits auf künstlerische Positionen, die über offizielle Webpräsenzen von Medienkunst(-festivals) wie Ars Electronica oder Transmediale zugänglich sind. Das mehrschrittige wie medienadäquate Forschungsdesign kombiniert hierbei quantitativ-empirische Erhebungsmethoden mit qualitativ-empirischen Analyseverfahren, um derart ikonische Cluster und Schlüsselbilder identifizieren und einer exemplarischen Fallanalyse unterziehen zu können.

 

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cute and glitch – ‚minor‘ aesthetics in ‚minor‘ media: Kickoff des interdisziplinären Drittmittelprojekts „Gegenwartsästhetik“ im Juli 2018

Ein eindrücklicher Workshop in den Räumlichkeiten der Neuen Medien am Institut für Kunstpädagogik – unter Leitung von Professorin Dr. Birgit Richard und ihrem Team – markierte Mitte Juli 2018 den offiziellen Start des von der VolkswagenStiftung geförderten Verbundprojekts „Gegenwartsästhetik. Kategorien für eine Kunst und Natur in der Entfremdung“.
Bereichert wurde der Workshop zu den Forschungsschwerpunkten des Teilprojekts „cute und glitch – ‚Kleine‘ Ästhetiken in ‚kleinen‘ Medien“ durch Denkanstöße prominenter Referentinnen; etwa durch den Impulsvortrag von Dr. Daphne Dragona, Leiterin des größten deutschen Medienkunstfestivals in Berlin, der transmediale, und Mitorganisatorin der documenta 2017 am Standort Athen.
Dragona bereicherte die Fragestellungen des Forschungsverbunds um eine sachkundige Perspektive auf die politischen Implikationen von Medienkunst und die kritische Frage nach deren Fähigkeit zu Subversion und politischem Widerstand in Zeiten massiv erstarkendem Rechtspopulismus.
Die niederländische Medienkünstlerin und Theoretikerin Rosa Menkman diskutierte Bildstörungen (glitches) als künstlerische Ausdrucksform zur Auseinandersetzung mit dem Selbstbildnis. In Anbetracht der zunehmenden Semiotisierung von Störungseffekten und deren inflationärem Einsatz im popkulturellen Kontext, verdeutlichte sie des Weiteren die Relevanz einer systematischen Konservierung und Dechiffrierung von sogenannten glitch clichés für zeitgenössische Medienkompetenz.
Stiftungsreferentin Dr. Vera Szöllösi-Brenig nahm ebenfalls am Kickoff teil, wirkte aktiv am Diskussionsprozess und dessen öffentlicher Wirksamkeit mit.
Das gastgebende Teilprojekt, dem Professorin Dr. Birgit Richard vorsteht, beschäftigt sich damit, wie Menschen in den westlichen Gesellschaften gegenwärtig mit den Herausforderungen und Zumutungen durch zeitgenössische Technologien umgehen. Entsprechend der Forschungshypothese lässt sich die Verhandlung smarter Technologien am besten anhand der im Kontext von Internetkulturen entstehenden Bilddiskurse ablesen. Social Media- und Internetphänomene – insbesondere die maßgeblich kollektiv-nutzer*innengenerierten Inhalte im Bereich Meme und Fanart –, ihre Präsentations- und Anwendungskontexte bilden daher das primäre Untersuchungsfeld, welches mit einem medienadäquaten Forschungsdesign unter Fokus auf zwei ‚kleinere‘ ästhetische Kategorien – cute und glitch – in den Dissertationsprojekten von Jana Müller und Niklas Reischach beforscht wird.
Im Kontext des Workshops konnten erste wichtige Weichen gestellt und Fragestellungen zur Bedeutsamkeit besagter ‚kleiner‘, ‚schmutziger‘ Ästhetiken, die sich, durch ambivalente Emotionen gekennzeichnet, als dynamische Hybridkonzepte zwischen den großen – absolut wie binär gedachten – ästhetischen Kategorien des Schönen und des Erhabenen bewegen, entwickelt werden.

 

cute * glitch – minor aesthetics in minor media (July 6-7, 2018)

First workshop of the joint project
Towards an Aesthetic of the Contemporary –
Categories for Arts and Nature in Alienation  
encouraged by VolkswagenStiftung

Goethe University
Institute of Art Education
Sophienstraße 1-3
60487 Frankfurt am Main

Daphne Dragona
Images, aesthetics and artistic strategies in times of confusion and discontent

In a period when technology feels as natural, our images, bodies and affects endlessly circulate in the technomediated environments that we have come to inhabit. Our interests, desires and opinions are constantly captured by systems of algorithmic computation assisting at the same time in the formation of homogeneous territories and in the reinforcement of tensions and cultural divides. Which artistic strategies can be of use in a period of increasing confusion and dissatisfaction? What happens when old strategies like the ones of subversion, disruption and transgression are appropriated by far right populist groups and parties? The talk will look into different examples such as the ones of blaccerationism, queerness, estrangement, and glitch feminism.

Rosa Menkman
A lexicon to the render ghosts’ affect, or: A Vernacular of Glitch ‘Affect’

From its beginnings, glitch art used to exploit medium-reflexivity, to rhetorically question technologies ‘perfect’ use, conventions and expectations. However, paradoxically, over time glitch art has become standardized into a genre that also fulfils certain expectations (oa. to rhetorically question the medium). To really understand a work from the genre of glitch art completely, each level of this notion of (glitch) materiality should be studied: the text as a physical artifact, its conceptual content, and the interpretive activities of artists and audiences.
The glitch art genre thus relies heavily on the literacy of the spectator (references to media technology texts, aesthetics and machinic processes) and their knowledge of more ‘conventional’ canons of media-reflexive, modern art. Former disturbances have gained complex meaning beyond their technological value; with the help of popular culture, their effects have transformed into signifiers loaded with affect. For example, analogue noise conjures up the sense of an eerie, invisible power entering the frame (a ghost), while blocky-artifacts often refer to time travel or a data offence initiated by a hacker. Works of glitch now prompt the spectator to engage not only with themes, but also with complex subcultural and meta-cultural narratives and gestures, presenting new analytical challenges. 
Every form of glitch, either by breaking a flow, or designed to look like a break from a flow, will eventually become a new fashion. As the popularization and cultivation of the glitch genre has now spread widely, it is important to track the development of these processes in specific case studies and create ‘a lexicon of glitch affect’. New, fresh research within the field of noise artifacts is necessary. In an attempt to expand on A Vernacular of File Formats, I propose a lexicon that deconstructs the meanings of noise artifacts. A handbook to navigate glitch clichés as employed in popular culture.

 

vw

goethe