Birgit Richard
Die Repräsentation weiblicher Ästhetik in Jugendkulturen
und im Internet
Methodische Vorbemerkung
Beiträge, die sich mit aktuellen alltagsästhetischen
Erscheinungen wie Jugendkulturen auseinandersetzen und vor allem solche, die
auf der Methode der teilnehmenden Beobachtung basieren, handeln sich regelmäßig
den Vorwurf, ein empathische Beteiligung ziehe Distanzlosigkeit und Unwissenschaftlichkeit
nach sich. Genau das Gegenteil ist der Fall, ohne empirische Basis und emphatisches
Teilnehmen kann man Zeichen, Embleme und Kommunikationsformen einer Szene nicht
verstehen. Sonst bewegt sich der wissenschaftliche Diskurs nur um sich selbst
ohne die Phänomene zu beachten.
Dieser Beitrag zieht seine Ergebnisse aus einem ästhetischen werkimmanenten
Zugriff, der sich aus genauer Beobachtung und Interpretation visueller Zeichen
im Alltag und der unterschiedlichen Medien der Jugendkulturen und nicht aus
theoretischen Vorgaben speist. Letzendlich entsteht natürlich wieder eine
Theorie, die sich von der eigentliche Szene entfernt. Zudem geht es um die Beschreibung
von weiblichen Stilbildern, nicht um Einzel-Schicksale.
Jugendkulturen
Jugendkulturen sind internationale, globale Stilgemeinschaften,
die sich seit der Nachkriegszeit über alle sprachlichen und geographischen
Barrieren hinweg konstituieren. Ein wesentlicher Aspekt ist vor der Nutzung
der digitalen Medien, die immer schon vorhandene, ebenfalls unsichtbare Vernetzung
zwischen den Mitgliedern eines Stils, die sich aufgrund der gleichen musikalischen
Vorlieben entwickelt. Eine Stilgemeinde konstituiert sich über große
Entfernungen, zuerst über die Printmedien und dann über das Fernsehen.
Es gilt auf der Grundlage der Untersuchung der Position von Frauen in den realen
Jugendkulturen Punk, Gruftie und Techno-und House Szene zu betrachten, wie sich
die kulturellen Räume durch neue Kommunikationsmöglichkeiten verändern.
In den gegenwärtigen Jugendkulturen nehmen Mädchen und junge Frauen
immer noch die Rolle von Usern ein und sind zu einem sehr geringen Anteil die
stilistischen Programmierer einer Szene, vor allem was ihren Kern, das Musikalische
angeht (Schober 1980, 89f).
Anschließend an die Betrachtung der realen jugendkulturellen Szenen und
deren Pendants im Netz soll der Frage nachgegangen werden, ob das Internet eine
Extension eines bisher bestehenden medialen Austausches ist oder ob sich, aufbauend
auf den speziellen Strukturen und Kommunikationsformen des Internets neue Ausprägungen
der Vernetzung ergeben, die für weibliche Mitglieder von Jugendkulturen
Nischen für die autonome Selbstorganisation zur Verfügung stellen.
Abschließend sollen erste Ansätze für eine These entwickelt
werden, daß im Internet neue immaterielle weibliche Stilbilder entstehen,
die unabhängig von materiellen Ausprägungen wie der Mode sind und
quer zu den Jugendkulturen nur im immateriellen Raum existieren.
Frauen und Mädchen in realen Jugendkulturen
"Die Beziehung zwischen Mode und Feminismus könnte man als wechselhaft, wenn nicht sogar stürmisch charakterisieren. Aus einer anfänglichen Feindschaft konnte sich nämlich ein recht freundschaftliches, streckenweise sogar emphatisches Verhältnis entwickeln." (Graw 1997, 73)
Ein Paradigmenwechsel in der feministischen Rezeption (Graw 1997)
der 80er Jahre führt zu einer Neueinschätzung der Mode. Damit müssen
auch die Entfaltungsmöglichkeiten von Mädchen in Jugendkulturen neu
beurteilt werden, Kleidung und Mode stellen hier einen wesentlichen Repräsentationsbereich
dar. Die anfängliche Verurteilung der Mode als ökonomisches Instrument
zur Umsetzung männlicher Machtphantasien schlägt um in die Begeisterung
für ein Hilfsmittel zur Gestaltung der eigenen Identität.
Heute wird der Topos der Maskerade bzw. des "drag" als Mittel zur
Herstellung sexueller Identität gefeiert (Butler 1990, 122f, 137; de Lauretis
1987). Graw weist aber auf die Eingebundenheit der Mode in den ökonomischen
Apparat hin (Graw 1997). Durch ihre spezielle Anschlußfähigkeit ist
sie nicht nur paradiesisches Repertoire, das die Mittel zur visuellen Selbstverwirklichung
und zum freien Spiel mit der Maskerade vorbehaltlos zur Verfügung stellt.
Irokesenschnitt und Domestoshose, Spinnenetzbluse und Draculacape, Sesamstraße-Kette
und Heidi-Zöpfchen sind als Bestandteile drei verschiedener Stilbilder
in den Kontext der visuellen Ausgestaltung des Selbst zu stellen. Diese Auswahl
trennt die Frauen in Jugendkulturen von der Erwachsenen-Kultur. Von den Punk-
und Gruftie-Frauen zu den Girlies der Techno/House-Szene transformieren die
erzeugten Stilbilder den Widerstand in die Form der leicht mißverständlichen
Hyper-Anpassung an zeitgenössische stereotype Rollenbilder (Baudrillard
nach Reynolds/Press 1995, 320). Junge Frauen suchen die zeitadäquate modische
Nische, die nicht besetzt ist: Punks wählen gleichzeitig das aggressiv
"Unweibliche" mit militärischen Kleidungsstücken oder aber
den "dreckigen Stil" der Sex-Shops in den 70er Jahren. Die Grufties
nehmen sich in den 80er Jahren der romantisch-melancholischen Mode einer fragilen
viktorianischen Weiblichkeit an. Die Girlies adaptieren in den 90er Jahren die
kindliche Seite als Freiraum für weibliche Körper-Experimente und
Identitätskonstruktionen.
Punk gilt als der Höhepunkt der Emanzipation weiblicher Jugendlicher, die
Entwicklungen danach, vor allem die zeitgenössischen Mädchenkulturen,
von denen das "Girlie" eine Facette darstellt, gelten als angepaßt
und wenig autonom. Natürlich zeigen die extremen Formen der Punk-Frauen
am deutlichsten Abweichung und Protest. Heute muß die Auflehnung subtiler
sein. Das Scheitern eines 80er Jahre Revival mit Punk-Accessoires und Emblemen
ist schon deshalb gescheitert (Punk Typographie, Union Jack T-Shirts, Nieten
und Pink Töne), weil diese stilistischen Äußerungen und der
in ihnen enthaltene Protest im Moment keine gesellschaftliche Bedeutung haben.
Frauenbilder müssen in den Zusammenhang sich generell verändernder
Stilbilder, die nicht mehr aggressiv-aufbegehrend sind, gestellt werden. Die
ästhetischen Bricolageverfahren haben sich verändert, sie sind unauffälliger
geworden und schwer zu entschlüsseln. Dem verwehrt sich eine Kritik aus
der Richtung des "old school feminism" (www.altculture.
rockwomen), die die Uneindeutigkeit der Zeichen nicht durch die Frage nach
dem Unterschied zu ergründen sucht, sondern diese Form der Maskerade als
mißverständlich und nicht authentisch ablehnt (Reynolds/Press 1995,
234). Daraus spricht die Unfähigkeit die Infragestellung von Klischees
und Stereotypen von ihrer konformen Perpetuierung zu unterscheiden. Die subtilen
ästhetischen Differenzen werden nicht als subversiv erkannt.
Weibliche Punks
Ursprünglich gibt es keine sprachliche Unterscheidung
zwischen männlichen und weiblichen Punks, da die Szene bewußt verzichtet
darauf. Davon provoziert, prägen die Medien dann alberne Begriffe wie Punkette
in England oder Punkerin in Deutschland. In der krampfhaften Suche nach der
weiblichen Form äußert sich die Angst, daß sich in diesen Jugendkulturen
ein anderes Verhältnis der Geschlechter zeigen könne als im gesellschaftlichen
Alltag.
Die Punks existieren seit Mitte der 70er Jahre und sind in Deutschland ein subkultureller
Dauerbrenner mit konstanter "Anhänger"- und "Gegner"zahl
(vgl. Shell Studien von 1981 und 1997). Der kritisch-aufrührerische Impetus
ist verpufft und transformiert sich in aktuellen Stilen. Die musikalischen und
ästhetischen Formen des Punk haben sich verallgemeinert.
Punk besitzt ein hedonistisches Körperbild, das vom Ausleben der Energien
z.B. im Pogo lebt, einem Tanz, der aus Hochhüpfen, Hochschnellen und gegenseitigem
Anrempeln besteht. Der Körper wird auf archaisch-rituelle Weise als gestaltbar
wahrgenommen (viele Ohrringe und Tatoos), seine Verletzlichkeit thematisiert.
Die optische Aggressivität, die von den Accessoires ausgeht, ist eine Drohgebärde,
die Distanz fordert. Dinge wie Ketten und Ohrringe bieten bei körperlichen
Auseinandersetzung eine ideale Angriffsfläche. Punk ist strukturell kein
kampfbetonter, männlicher Stil. Im Gegensatz zu den Skinheads ist er so
konstruiert, daß in ihm die Möglichkeit der gleichberechtigten Einbeziehung
der Mädchen angelegt ist.
"Die Frauen sind hier in der Punk Szene neben den Männern hochgekommen, das ist keine Männerveranstaltung, in der die Frauen ihr Plätzchen bekommen haben. ... aber die Frauen haben Ansätze, können sich entwickeln, wenn sie wollen. Wenn Frauen mehr drauf haben als die Typen, können sie das hier zeigen. ..., wir haben als Punks zusammen angefangen, und nicht als Macker und Frauen." (Zotty zitiert in Hahn/Schindler 1982, 162)
Die Geschlechter werden zuerst einmal optisch durcheinander gewirbelt.
Männliche Punks können Röcke oder Rockähnliches, wie die
Bondagehosen mit Latz, tragen und sich schminken, weibliche Punks tragen schwere
Armee- und Arbeitsstiefel, extrem kurze, bunte Haare oder einen Irokesenschnitt.
Sie lehnen bürgerliche Ordnungs- und Sauberkeitsvorstellungen ab, die Kleidung
ist zerrissen und durch das Leben auf der Straße verschmutzt.
Frauen sind nicht mehr schmückendes Beiwerk für Rock-Superstars, sondern
gründen eigene Bands und spielen alle Instrumente. Sie drängen für
kurze Zeit in das männliche Territorium der Rockmusik (Reynolds/Press 1995).
Bekannte Punkfrauen und Frauen-Punkbands sind z.B.: Siouxsie and the Banshees,
Slits, die Raincoats, Östro 430, die Ätztussis, Mania D., Liliput
und X-Mal Deutschland (www.mital-u.ch/Dada/punkwavg.html
und women of 1970 punk: www.comnet.ca/rina/).
The Slits: "We are different to a lot of women we know. But then we're different from a lot of guys we know too. ... We happen to be four of the strongest people we ever met. We haven't met any guys who are stronger. That's why there are no guys in the group. It wasn't planned as an all-girl group. We just didn't know anyone better."(Coon 1982, 107)
Die Texte der weiblichen Punks drücken u.a. die sexuellen
Bedürfnisse der Frauen direkt aus. Sie holen sich das, was sie wollen,
notfalls mit körperlicher Gewalt. Sie beschreiben Männer, wie sonst
Männer Frauen beschreiben, abtaxierend, abschätzend. Diese aggressive
Komponente wird dann vor allem durch die riot grrls wiederbelebt. "I want
to fuck you like a dog / Take you home and make you like it." (Liz Phair,
www.altculture.com)
In einer weiblichen Frischzellenkur für den erstarrten Punk wehren sich
locker miteinander verbundenen feministischen Punk-Bands wie Bikini Kill oder
Bratmobile Anfang der 90er Jahre gegen die männliche Dominanz in der Punk-Szene
und rufen die "Revolution Girl Style Now!" aus. Sie feiern eigene
Festivals, wie das Pussystock Festival in New York City und initieren neue weibliche
Fanzines wie Girl Germs oder Satan Wears A Bra. Weibliche Punks und in Folge
die riot grrls setzen Cixous` Forderung in die Tat um:
"...sie müßte beginnen zu sagen und sich nicht sagen lassen, daß sie nichts zu sagen hat." (Cixous 1991, 114)
Viele weibliche Punks lehnen den konventionellen Umgang mit Liebe
und Sexualität ab. Langeweile und Ekel gegenüber der sauberen, verklemmten
Sexualtität der Bürger und dem Sex als Ware, die Massenproduktion
von pornographischen Phantasien, werden durch das Posieren beider Geschlechter
mit Sex-Shop-Artikeln ausgedrückt. Die Punks tragen diese Art von Kleidung
nicht auf ausdrücklichen Wunsch der Männer, sondern wesentlich angeregt
durch stilistische Protagonistinnen der Szene wie Vivienne Westwood.
Heute, wo sich das Vorweisen jeglicher Spielarten von Sexualität verallgemeinert
hat, hat Punk seine Provokationskraft längst verloren. Was nach wie vor
provoziert, ist die selbstbestimmte Ablehnung von allen traditionellen weiblichen
Schönheitsidealen. Verhaltensweisen wie Spucken auf Bürgersteige,
Prügel und Pogo sind auch heute nicht selbstverständlich für
eine Frau und ergeben sich als logische Konsequenz aus einer im öffentlichen
Raum verbrachten Freizeit (Savier 1980, 15f). Militärische Kleidungsstücke
wie schwere Armeestiefel in Kombination mit Röcken leisten beim kurzzeitigen
Aufbrechen traditioneller Rollenbilder Hilfestellung. Sie sind die praktische
Demonstration einer anderen autonomen Frauenrolle. Viele der männlichen
Punks schätzen die beschriebenen Verhaltensweise, sie haben keine Angst
davor:
"Die Mädchen bei uns waren total eigenständig..., die waren absolut toll, ich fand die wahnsinnig gut, die haben ein totales Selbstbewußtsein ausgestrahlt." (Harry Hartmann in Kuhnert 1987, 256)
Die weiblichen Punks entwickelten eine eigenständige Ästhetik
und gaben ihrer Sexualität Ausdruck, die ein Aufbegehren gegen die traditionellen
Geschlechterrollen enthalten: die männliche Stilisierung (das Gleichziehen
mit dem Mann wie z.B. bei den Skinmädchen) und die Betonung des Andersseins
der Frau (Reynolds/Press 1995, 233). Die Punk-Frau wehrt die Vorgabe "ein
Mann minus der Möglichkeit, sich als Mann zu (re)präsentieren = eine
normale Frau" (Irigaray 1980, 30) zu sein, kurzzeitig ab.
Der Versuch der Punk-Frauen, Härte zu demonstrieren, hatte im öffentlichen
Raum jedoch harte Konsequenzen. Das schlägt sich nieder in Kommentaren
wie: "Wie siehst Du denn aus, wie läufst Du überhaupt rum, Drecksau,
Nutte". (Miriam zitiert nach Dewes 1986, 40) oder: "So wie du aussiehst,
sollte man dir mit Säure das Gesicht zerschießen." (Penth/Franzen
1982, 182) Eine Frau, die sich dem Kosmetik- und Schönheitsstreß
willentlich und offensichtlich entzieht, gilt als Schlampe. Zu Zeiten des Punk
wird dieses singuläre Bild von Differenz zum positiven Zeichen. Die rriot
grrls beginnen später mit einer breiteren Umdeutung der negativen Konnotation,
die in den 90er Jahren für die Frauen in weißen und schwarzen Jugendkulturen
aus dem Stigma ein positives Zeichen von Identität macht. Wenn der Begriff
"bitch" in dem Album-Titel einer der einflußreichsten HipHop-Produzentinnen
und Sängerinnen Missy Elliot auftaucht, dann benutzt sie im Kampf gegen
die Stereotypen innerhalb der schwarzen Community die gleiche Strategie, die
diese benutzt, um sich von der weissen Kultur abzusetzen, sich z.B. als Nigger
zu bezeichnen.
Mit dem Ausbrechen aus der Geschlechterrolle gerät für die Frau ihre geschlechtliche Identität, das Selbstbild ins Wanken:
"Ich fühl' mich nicht als ganzes Wesen. Ich fühl' mich als unheimlich, zerrissenes aufgeschlitztes ... Wesen ... in überhaupt keinen Rahmen zu pressen." (Kuhnert 1987, 256)
Punk ist also nicht als ein Paradies der Gleichberechtigung für die Frauen mißzuverstehen, sondern eine widersprüchliche Erscheinung. Trotzdem haben die Frauen im Punk vor der Folie anderer Jugendkulturen wie Skins, Psychos, Teds, Heavy Metal Freaks, HipHop, die in der Mehrzahl bis heute eindeutig männlich dominiert sind, immerhin Ansätze für ihre gleichberechtigte Einbeziehung erarbeitet.
Netzpunks
Bei der Betrachtung der Punk-Websites im Internet stellt
sich als erstes die Frage, ob der Stil dort aktualisiert wird oder auf dem optischen
Stand seiner Anfangsphase stehenbleibt. Es sieht danach aus, als würden
die gängigen Punk Motive wiederholt.
Die Websites zeugen von einer noch existierenden lebendigen Szene, vor allem
in den USA. Das zeigen auch Berichte mit Screenshots aus einem neuen Punk Filme
(SLC Punk). Das World Wide Punk Directory bietet Informationen zur Szene, ihrer
Geschichte und der aktuellen Form (http://www.worldwidepunk.com).
Das Web repräsentiert, wie bei anderen Stilen auch, ein immaterielles Archiv
und einen Speicher der wichtigen Icons und Protagonisten einer Szene.
Die kommerzielle Infrastruktur wird erweitert. Gerade den kleinen Home-Business
Sites, z.B. für den Verkauf von Platten oder T-Shirts aus der Szene, gewährt
das Netz einen höheren Verbreitungsgrad. Eine neue Möglichkeite bietet
sich für unbekannte Bands. Sie können ihre Stücke einem weltweiten
Publikum zugänglich machen, ohne viele Demotapes zu versenden.
Für die Weiterentwicklung der Fanzine-Kultur ist das WWW das ideale und
kostengünstige Verbreitungsmedium. Die neuen medialen Strukturen verändern
in den 90er Jahren den ursprünglichen Stil der Fanzines. Der Erpresserbriefstil,
die chaotische Collage läßt sich am Computer nur schwer herstellen.
Zum Ausgleich werden an Handschriften erinnernde Fonts gerne benutzt (http://www.sentex.net/~jmartz/attack/
Robotic Attack Fonts).
Die sogenannten E-Zines (elektronische Zeitschriften) der Punks bevorzugen aber
immer noch das Rohe und Unfertige, das sie gegen die glatte Perfektion anderer
Websites setzen. Die Kultur persönlicher Zeitschriften wandert also von
einem Printmedium in ein elektronisches Medium über. Ein E-Zine stellt
eine Mischung aus globaler überregionaler Leserschaft und regionaler persönlicher
Autorenschaft her. Verloren geht der von den Fanzinemachern früher gewünschte
persönliche "facetoface" Kontakt beim Direktverkauf auf Konzerten.
Dafür kann man nun eine weltweite Punk-Gemeinde erreichen.
Was die Einbeziehung von Frauen betrifft, so sind die Websites eher ein Ausdruck
von Nostalgie, z.B. auf Sites, die die Geschichte der Frauenpunk-Bands in den
70er Jahren rekonstruieren. Sie künden von einer Zeit der Beteiligung von
Frauen am Rockbusiness, die so schnell nicht wiederkommen wird. Daneben präsentiert
sich der Punk auf den unterschiedlichen Sites, die mit riot grrl Kultur zu tun
haben, als musikalischer Motor und Initialzündung für die riot grrls.
Diese nutzen zum ersten Mal großräumig auch das Internet für
ihre Zwecke. Zwischen riot grrrl und Punk besteht ein technischer und inhaltlicher
Link.
Weibliche Grufties
Die Subkultur der Grufties, im musikalischen Bereich "Dark
Wave" genannt, entsteht Anfang der 80er Jahre in Großbritannien und
ist die Weiterentwicklung der düsteren, resignativen Seite von Punk und
New Wave (siehe Richard 1995). Die Grufties benennen die "gothic novels"
der Romantik als Bezugspunkt, was sich an der englischen Bezeichnung "Gothic
Punk" ablesen läßt. Sie nennen sich auch gerne die "Schwarzen".
Die Selbstbezeichnung erweist sich als problematisch, also soll in den 90er
Jahren im Internet der nicht ganz ernst gemeinte Gothcode 1.1. (ähnlich
einem Programm mit Updates, www.asta.uni-sb.de/schuetz/asto/gothcode.html)
die Bekanntschaft mit anderen "Schwarzen" im Netz erleichtern. Das
Gegenüber kann anhand von Kürzeln entschlüsseln, wie ein anderer
Gothic sich selbst einordnet. Es gibt z.B. den "Jammergoth. Das Leben ist
eine permanente Existenzkrise - gleichzeitig wägst Du ab, worüber
Du Dich mehr aufregst: den ausufernden Konflikt in Bosnien, ..., die Vergänglichkeit
der Dinge" oder den "Schüchternen Goth: Bitte, guck mich nicht
an...; Ich hoffe, die reden nicht mit mir..." Andere Arten sind Muntergoth,
Grantelgruftie, Sarkigoth, Der-Goth-der-nur-noch-dahinvegetiert.
Von zentraler Bedeutung ist für diese Jugendkultur bis heute die Farbe
Schwarz als Symbolisierung des unabwendbaren Todes und des Negativen. Die "Schwarzen"
nehmen auch die traditionelle Symbolisierung des Bösen und des Teufels
mit auf.
Das reizvolle Zusammenspiel von Schwarz und unbedeckter Haut, der Kontrast von
bleicher Gesichtsfarbe, schwarzer Schminke und Kleidung knüpft an die Ästhetik
der bevorzugten Figuren der Schauerromane der Romantik an. Eines der Schönheitsideale
ist dort der bleiche, weiße, weibliche Körper, der schwarz umhüllt
ist.
Bei den Grufties wird das Schwarz, das eigentlich für die zeitlich begrenzte
Lebensphase der Trauer gedacht ist, in den alltäglichen Kontext gestellt
und erfährt eine Generalisierung auf alle Lebensituationen. Die Farbe Schwarz
wird kontrastiert durch das Silber von Metallbeschlägen und - verzierungen
von Accessoires und Kleidung. In den 80er Jahren findet man an den sehr spitzen,
schmal geschnittenen Schnallenschuhen, die an die Schnabelschuhe des ausgehenden
Mittelalters erinnern, Totenkopf- oder Fledermausschnallen.
Typisch für die Grufties zu dieser Zeit ist, daß alle Kleidungsstücke
wallend und locker am Körper getragen werden. Die Frauen bevorzugen anfangs
eher lange Röcke und Kleider, die Männer oft weite türkische
Hosen. Diese distanzierte Haltung zum eigenen Körper läßt sich
durch die weiten Umhänge, Überwürfe, Schals, Draculacapes, Mönchskutten
und Priestergewänder belegen. Anders als beim Punk wird eine deutlichere
Trennung der Geschlechter postuliert, das heißt, daß sich vor allem
die Frauen im Rahmen konventioneller weiblicher Kleidungsstücke bewegen.
Einige männliche Gothics weichen mittels wallender Kleidung und geschminktem
Gesicht die Geschlechtergrenze auf.
Mit dem aktiv-aggressiven Prinzip des Risses und der darauf basierenden Ästhetik
der Häßlichkeit und Armut des Punks haben die Grufties nichts zu
tun. Sie stilisieren sich zu aristokratischen, "schönen" Todesengeln
nach historischen Schönheitsidealen. Daher sind in den 80er Jahren die
bevorzugten Materialien weiche, traditionelle und natürliche Stoffe wie
Spitze, Samt oder Seide, seltener Leder, Lack oder Gummi, die sich von einer
romantischen Erotik entfernen.
In den 80er Jahren spielt eine ausgefallene Haartracht wie der markante "Teller"
(auch Tellermine oder Tellerschädel genannt) bei den Männern eine
große Rolle. Die Frauen bevorzugen zu dieser Zeit schwarze, lange, strubbelige
Haare, die extrem toupiert sind und an die wirren Haare von Hexen erinnern sollen.
Dazu tritt eine besondere Art des Schminkens, die oft von beiden Geschlechtern
betrieben wird: Schwarzer Kajal, Lippenstift und Nagellack werden gegen ein
kalkweißes Gesicht gesetzt. Diese "tote" Schminkweise, das "Totmalen"
oder "Totrumlaufen", wie die Grufties es nennen, nimmt das Schicksal
des zukünftig Toten vorweg und soll die Solidarität zu den Toten ausdrücken.
Das wichtigste symbolische Prinzip, das in Kleidung und Accessoires immer wieder
zum Ausdruck kommt, ist der Versuch der Darstellung eines toten Körpers
oder eines Wiedergängers, der sich in einer Zwischenwelt bewegt. Die Alltagskleidung
der Grufties repräsentiert die permanente Feier des Todes und der Trauer.
In den 90er Jahren gehen die weiblichen Grufties offensiver mit Sexualität
um. Es zeigt sich nicht mehr nur eine fragile Weiblichkeit, die des Schutzes
bedarf, sondern auch eine deutliche aggressivere Tendenz, allerdings eher in
die Richtung der Selbstverletzung. Es entwickelt sich die Gestalt des morbiden,
luxuriösen Vamps, der Lack und Leder trägt. Die hexenhaften romantischen
Stilacessoires sind in den 90er Jahren nicht mehr aktuell. Der Stil vollzieht
also eine Modernisierung, worauf die Übernahme aller zeitgemäßen
Infrastrukturen wie Gothic Events, Flyer und DJs hinweist.
Schwarze Netzwelt
Das Internet hebt als neues Kommunikationsmedium die individuelle
Isolation durch internationale Verbindungen punktuell auf. Die schon vorhandenen
materiellen "schwarzen Netze", entstanden durch Fanzines und Festivals,
werden medial erweitert. Im WWW besteht die Möglichkeit der direkten Kommunikation
und des Informationsaustauschs mit Gleichgesinnten (z.B. Konzert- und Platteninfos,
Gothic Clubs und Szene-Boutiquen, Filme, Comics, Bücher, Gedichte und Online-Spiele),
die unabhängig von räumlicher Nähe ist. Was bei den Schwarzen
häufig ist, daß sie spezielle selbstgenähte Kleidung anbieten,
die sich ganz im Rahmen der schwarzen Ästhetik bewegt http://www.inthenik.uss.net.au/fgowo.htm
(Fashion Item - Gothic Woman).
Das für die Grufties entscheidende Strukturmerkmal ist der "link",
die Verbindung zu anderen Gothic-Seiten (z.B. Death Homepage (1995), the Darkening
Of the Light, The Dark Side (alle September 1996), der garantiert, daß
eine permanente Verknüpfung zu anderen "Schwarzen" in aller Welt
aufrechterhalten werden kann (http://ourworld.compuserve.com/
homepages/arleod/arlmusic.htm; 1999).
Die Gothics sind eine retrospektive Jugendkultur. Der gesamte Stil ist eine
komplexe, historisch orientierte Form der Bewältigung von Melancholie und
Depression, die individuellen und kollektiven Tod zusammendenkt. Die Grufties
haben extreme und direkte Formen der Beschäftigung mit dem Tod, die vom
Rest der Gesellschaft mit Unbehagen aufgenommen werden. Dies liegt an der partiellen
Freisetzung und tendenziellen Enttabuisierung von Vorstellungen und Bildern
des Todes. Sie konstruieren in unterschiedlichen Medien Nischen, wo die archaisch
anmutenden, überkommenen Symbole und Bilder zirkulieren können, z.B.
die Gothic Bildergalerien des WWW. Dort werden die Mythen der Szene wiederholt.
Der Wunsch nach einer immer präsenten Enzyklopädie, bzw. einer Genealogie
der Bilder des Stils, kann hier adäquat umgesetzt werden. Die wichtigste
Funktion der Gruftie-Homepages im Internet ist daher, neben der online Kommunikation,
das Sammeln und Tauschen von Bildern und Symbolen des Todes. Repetition und
Variantenbildung eines Basisrepertoires an Bildern (z.B. Gothic Image Database,
Gothic/Images/index) erheben das Netz zum virtuellen Archiv des Stils. Es bewahrt
die Geschichten (z.B. über den Gool, ghoul, den Totengräber) und die
immateriellen Bild-Repräsentanzen der oben genannten außeralltäglichen
Symbolik des Stils, damit sie der stilinternen Autopoeisis immer wieder zur
Verfügung stehen.
Das Girlie in der Techno- und HouseSzene
"Remember the days when women were women and girls were under 21?" (Movieline March 1995 zitiert nach www.altculture.com)
Der Begriff "Girlie" ist eher negativ besetzt. Er gilt
als böser Schlag gegen den Feminismus, als alberne Flucht vor dem Erwachsenwerden
und Ausdruck von Angst gegenüber dem Sex im Zeitalter von Aids (McRobbie
1995). Das "Girlie" steht unter dem Verdacht stereotype Bilder zu
befördern, wie das Lolita-Bild zur Befriedigung pädophiler Phantasien
oder das des unselbstständigen, leicht zu verführenden, naiven Mädchens,
wie es in Inkarnation des kommerziellen Girlies, z.B. der Sängerin Blümchen,
stattfindet. Das Problem mit dem Bild des Girlie ist, daß es keinen eigenständigen
jugendkulturellen Stil bezeichnet, sondern überall zu finden ist, also
quer zu allen Stilen liegt. Das Girlie ist schwer greifbar und eigentlich mehr
als ein ästhetisches Verfahren anzusehen (Lau 1997, 218f).
Es ist schwer, die Ironie dieses Frauenbildes in der Stilisierung zum sehr jungen
Mädchen, anschaulich zu machen. "Riot grrl" Courtney Love ist
mit ihrem frivole "kinderwhore"-Stil (www.altculture.com;
rockwoman) über jeden Verdacht der Affirmation pädophiler Bilder
und ihrer ironischen Brechungen erhaben.
Alle bedeutsamen weiblichen Formen, die sich seit den 80er Jahren entwickeln,
bezeichnen sich mit "girl". Es heißt nicht "riot woman",
sondern "riot grrl", und diese Begriffswahl ist bedeutungsvoll. Das
Mädchen steht für eine ganz bestimmte noch nicht durch patriarchale
Strukturen geprägte Frische. "Riot women" macht deshalb keinen
Sinn, weil mit "Frau" ein verfestigtes Bild und weniger Entwicklungsfähigkeit
konnotiert ist (Reynolds/Press 1995, 326).
Das Girlie-Bild ist auch Ausdruck eines gesellschaftlich verbreiteten Infantilismus,
der von den Bürden des Alltags entlasten soll. Der Bezug auf den Referenzbereich
Kindheit zeigt das willentliche, stilistische Ausscheren aus der Welt der Erwachsenen.
Das Girlie ist als ein Frauenbild aus der Techno- und House Szene erwachsen
und hat dort eine ganz spezielle Funktion. Girlie bedeutet hier: offensiver
Rückzug aus den Weiblichkeitsbildern für erwachsene Frauen, Nicht-Aktzeptanz
und Unterlaufen von angebotenen Frauenbildern. In der Techno-und House Szene
sind die Verweigerung des Älterwerdens und die Kultivierung des schrillen
kindlichen Geschmacks die Grundlage für das vorurteilsfreie Miteinander
und die Geborgenheit aller in der großen Ersatzfamilie eines Events (siehe
Richard 1998 Kunstforum).
In der Club- und Eventszene wird das infantile Bild der 60er Jahre mit großem
Kopf, und kindlichen Augen und kindlichem Körper (Twiggy) wiederbelebt
und mit Begriffen wie girlie, cutie, babe bezeichnet. Heidi-Zöpfe, Spangen,
die Miniaturisierung von Accessoires, z.B. von Rucksäcken, Spielzeug (Wasserpistolen)
und Süßigkeiten (Brause-Halsketten) sind wichtige Bestandteile des
Stils (siehe Richard 1998). Die Buffalo Plateau-Schuhe sind entsprechend Ausdruck
des Kindchenschemas, sie erzeugen nicht nur bei den Frauen tapsige Schritte
wie Fohlen und eine unproportionale Körpersilhouette. Der infantile Look
ist umfassend, sogar die Ecstacy-Pillen bekommen ein kindliches Gesicht, Smileys,
Fred Feuerstein, Dinosaurier oder Delphine sind als Motive eingeprägt.
Das "girlie" Bild der Techno- und House Szene erzeugt ein narzißstisches,
aber kein antifeministisches soziales Klima (Graw 1997, 80). Bei genauem Hinsehen
ist es nicht regressiv, sondern kreiiert in einer gemischten Jugendkultur einen
Schutzraum für Mädchen und junge Frauen.
" Vor allem am Anfang habe ich es äusserst genossen, dass ich mich beim Tanzen nicht beobachtet fühlte....niemand beobachtet mich, niemand macht mich blöd an. Man hat mehr Narrenfreiheit, ich muss keine Gedanken daran verschwenden, ob ich sexy tanze und damit den Typen hinter mir antörne." (Melanie zitiert in Anz/Walder: Techno 1994 121)
Die wichtige biografische Bedeutung des unbeschwerten und ungestörten
Tanzes zeigt die Bedeutung dieses Freiraums an (vgl. McRobbie 1985, siehe auch
Richard 1998, Icons).
Analog zu den "Girlies" werden in den 90er Jahren auch die "sex-positive
feminists", die Sex und Männer bejahen, mit dem "anti-feministischen"
Vorurteil belegt (www. altculture.com).
Naomi Wolf, bell hooks und vor allem CyberSex-Apologetin Lisa Palac repräsentieren
einen stilvollen "Babe Feminism", dessen Ansatz dem girlie-Bild auf
anderer Ebene entspricht.
Mit dem ursprünglichen Girlie Konzept der prä-pubertären und
prä-sexuellen Outfits symbolisieren vor allem Frauen und Mädchen einen
autonomen und unschuldigen Umgang mit dem Körper. Sie signalisieren, daß
sexuelle Attraktion nicht das vorrangige Ziel der partiellen Entblößung
ist. Dadurch, daß sie sich selbst dem kindlichen Bereich zuordnen, zeigen
sie ihr Bedürfnis, in Ruhe gelassen zu werden. Es zeugt auch vom totalen
Narzißmus in der ekstatischen Erfahrung des eigenen Körpers als einer
autoerotischer Erfahrung, die des männlichen Parts der Versicherung nicht
bedarf und trotzdem nicht auf ihn verzichten mag.
Im Abschütteln der Bezeichnung "Frau" zeigt sich das Ausscheren
aus den Zwängen einer übersexualisierten Gesellschaft, in der die
Anzahl der Sex-Bilder die der Gewalt längst überrundet hat. Alle Neudefinition
in diesem Bereich würden vereinnahmt und wieder zu käuflichen Bildern
der Abweichung. Differenz kann nur über den Weg zurück in die Kindheit
hergestellt werden. Den Männern geben die Girlies mit der Darstellung dieser
Grenze das Signal der Unantastbarkeit. Auch diese tragen große Ketten
mit Holzperlen und widmen sich als Spaßguerilla, bewaffnet mit Pumpguns
aus buntem Plastik, dem Kindervergnügen des Naßspritzens. Der Rückgriff
auf infantile Elemente erlaubt auch den Männern, Macho-Posen zur sexuellen
Beeindruckung einfach zu unterlassen, um einen spielerisch-unbefangenen Umgang
mit dem anderen Geschlecht zu erproben. Die männlichen Körperbilder
tendieren zur visuellen Grenzüberschreitung zum anderen Geschlecht in Richtung
des Androgynen. Die körperliche autoerotische Selbsterfahrung im Tanz fungiert
auch als Sex-Surrogat.
Andere Körperkonzepte z.B. der Gay- und Fetischkulturen sind in die Techno
und House Szene integriert. Die Mode weicht die verhärteten Strukturen
der Geschlechterkonstruktion auf, auch wenn die androgynen Formen oft nur der
ästhetischen Differenzierung dienen.
"Cross-dressing is about gender confusion. Cross-dressing is about the
power of women .. is about the emergence of gay identity."(Garber 1993,
390)
Die Männer sind selten echte Crossdresser, Transvestiten bzw.
Drag Queens, in dem Sinne, daß der modische Stil zum Lebensstil, zu einer
Haltung wird. Tuntiges Posieren wird zur Modeerscheinung, ebenso kokettes Liebäugeln
mit der Bisexualität. Entscheidend ist aber, daß im Laboratorium
des Techno-Events oder des House-Clubs,die visuellen Experimente zur Umdekorierung
der Körper, die "feminisation of youth" (Pini 1997, 168), überhaupt
möglich sind.
Die Frauenkleidung entwickelt nur in der Ausformulierung des "girlie look"
ein eigenständiges Stilbild, es gibt keine Form für die "Raverin".
Viele andere Elemente sind eine transformierte Kopie der Männerkleidung,
wie Trainingskleider oder Sportschuhe mit Absätzen. Die weiblichen Grenzüberschreitungen
zum männlichen Geschlecht lassen sich in der transformierten Sportkleidung
und klobigem Workwear-Schuhwerk erkennen und in der Adaption der schwulen Tanzgestik.
Die Veränderung männlicher Körperbilder und -erfahrungen ist
wesentlich angestoßen durch die kulturelle Praxis der schwulen, schwarzen
Minderheitenkultur in den USA, die über die frühe englische Acid House
Szene und die House Clubs der 90er nach Europa gelangt.
Die plüschigen und kitschigen Interieurs von House Klubs, in Form von Gold
und Brokat und die Vorliebe für süßliche Devotionalien sind
wesentlich angeregt durch die Gestaltungsmittel der Travestie, der künstlich-ekstatischen
Übertreibung des "Weiblichen". Die Wurzeln für die diese
Ästhetik liegen in schwuler Subkultur, ihrer ekstatischen Verehrung der
fülligen House Diven, die eine Verbindung von weiblicher, körperlicher
Präsenz und dem mystischen Streben nach Liebe und Erfüllung als Säkularisierung
der Gospel Tradition darstellen.
Die übertriebenen schwulen Hyper-Posen des Weiblichen im Stile des "Vogueing"
(abgeleitet von der Zeitschrift Vogue aus dem Film "Paris Burning"),
werden jetzt Standard für die weibliche und männliche Bewegung in
der Techno- und House Szene.
Der "kindliche" Protest zieht sich durch, von den riot grrl bis zur
Techno-Szene. Jedesmal wird der ästhetisch-stylistische Protest übertriebener
und grotesker, ehe er im "cartoon style" des Girlie Bildes kulminiert.
"And feminist zines like Bust, Cupsize, and Roller Derby thrive by raging
against the patriarchy in baby T-shirts." Damit ist auch das Girlie in
den Bereich der Strategien weiblicher Maskerade einzuordnen.
Vergleich der weiblichen Repräsentationsbilder
"it's cute to be an angry young woman; it's trendy to be an angry young woman." (Exene Cervenka, altculture.com rock women)
Extreme Auflehnung und gut einzuordnender visueller Protest mit
der Proklamation totaler weiblicher Andersheit laufen heute Gefahr, zu neuen
Markenzeichen zu werden, wie es die riot grrls darstellen. Heute führt
die Betonung der Unterschiedlichkeit zu maßgeschneiderten Marktsegmenten,
jeder Frauentyp kann von dort aus bedient werden. Die andere gesellschaftliche
Strategie der Neutralisierung ist die Zuweisung einer Nische mit geringfügiger
oder ganz bestimmter begrenzter Anschlußfähigkeit, wie er auch dem
Betriebssystem Kunst zusteht.
Eine Grundvorausetzung für die freie Entwicklung eigener weiblicher Stilformen,
die sich aus der Analyse der realen Jugendkulturen ergibt, ist die androgyne
Beschaffenheit des Körperbildes der Männer. Ferner muß das Prinzip
des "drag" und der Maskerade nach beiden Richtungen möglich sein.
Für den Punk ist ein wesentliches Merkmal der Unisex-Charakter der Stilpalette,
es gibt weniger explizit männliche und weibliche Kleidungsstücke.
Androgynität läßt sich auch in einem Segment der Gothic Culture
nachweisen, allerdings weniger im musikalischen Feld, das der EBM und Industrial
Musik nahesteht. Das Girlie der Techno- und House Szene hat auch androgyne Züge:
Es ist sehr sportlich, sehr workout betont und ist das dialektische Pendant
zum Körperbild, das über die Schwulenszene und über den "drag"
definiert wird. Wenn man der von Butler entworfenen Definition des "drag"
folgt, nämlich als Modell für den Entwurf von Geschlecht, das kein
Original hat, so liegt in dieser Strategie eine Vervielfältigung des Weiblichen,
ein Loop.
Dieses stilistische Verfahren ist ein Hinweis auf die Möglichkeit, sich
innerhalb der Gesellschaft zeitgemäße Plätze zu erobern, um
von da aus Netzwerke aufzubauen. In der engeren sozialen Abhängigkeit von
Jugendkulturen und Gesellschaft liegt die Gefahr, aber auch die Chance einer
subtilen Veränderung.
Die totale Ablösung von gemischten Partycrowds, die Ghettoisierung in reinen
Mädchenkulturen und die Bevorzugung des "tomboy" (Reynolds/Press
1995), des männlich-weiblichen Rockstars als wahre Vertreter weiblicher
Rebellion, bringen keine Befreiung, da sie die Anschlußfähigkeit
(vgl. Luhmann) weiblicher Körperbilder infragestellen. Es macht keinen
Sinn, mit männlicher Härte der Musik zu konkurrieren, wie es z.B.
die einem "female machisma" zuzuordnenden L7, mit ihrer "muscular
work ethic, no pain no gain" (Reynolds/Press 1995, 248, 235f) tun.
Die Crossdressing-Strategien der Techno- und House Szene, interpretiert als
Ausdruck von stilistischer Queerness (Davis 1997, 86), verweisen neben der Offenlegung
der labilen Konstruktion visueller Geschlechternormen auch auf technologisch-medial
bedingte Verfahren, wie das im Internet beliebte Gender-Switching oder -Bending
(Stone 1996).
Cyberchicks und netgrrls. Weibliche NetzKultur
Gerade weil es sich bei den oben analysierten Stilen um zwei schon
über zwei Jahrzehnte existierende Jugendkulturen handelt und eine relativ
aktuelle, die mittlerweile aber auch schon eine zehnjährige Entstehungsgeschichte
hat, sind alle gleichermaßen im WorldWideWeb vertreten. Die jugendkulturellen
Sites behandeln die Hauptthemen der Szene und eröffnen zum ersten Mal einen
Einblick über die "wissenschaftlichen" Sammlungs- und Ordnungs
-Tätigkeiten von Jugendkulturen (vgl. Richard 1995 zur Arbeitsweise der
Jugendkultur Industrial) außerhalb ihres visuellen Erscheinungsbildes
auf der Straße. Schon vorhandene Infrastrukturen des "real life"
werden virtuell verstärkt und erweitert. Archive, Sammlungen, Bildmaterial,
Sounds, Geschichten, Konzertberichte und Online-Zeitschriften sind bei den oben
analysierten Szenen zu finden. Die Geschichte des Stils wird rekonstruktiert,
seine Zeichen und Symbole aufgearbeitet und recycled. Dazu kommen neue Kommunikationsmittel
wie Chats, Foren, Newsgroups, die sich mit den jeweils wichtigen Themen der
Jugendkultur auseinandersetzen.
Die Techno-und House Szene steht ganz im Zeichen der Präsenz und der Akualität
von Events, während in den Gruftie- und Punk-Sites mehr die Geschichte
des Stils im Mittelpunkt steht und eine andere grafische Ausgestaltung erhält.
Den älteren Stilen bietet sich durch das Internet die Chance auch nachfolgenden
Generationen den Stil in seinen historischen Dimensionen lebendig vor Augen
zu führen, damit zu re-vitalisieren und durch die Veröffentlichung
wieder in Erinnerung zu bringen.
Die innovativen Formen, die im Internet entstehen, sind nur bedingt an reale
Jugendkulturen gekoppelt. Es konstituiert sich ein imaginärer Raum, der
ganz anders funktioniert als der Straßenraum. Im Netz sind die Jugendkulturen
keine Streetstyles, und Street Credibility ist nicht vonnöten. Abgesehen
von der Tatsache, daß Punk an einem gewissen Punkt stehengeblieben ist,
können ihn die wenigsten Mädchen in der Realität leben. Hier
kann das WWW einen Ausgleich bieten. Auch nicht dem "streetstyle"
Zugehörige, die sich nur dem Musikhören zuhause verschrieben haben,
können hier Informationen austauschen, was vor allem Frauen entgegenkommt,
die Punkmusik mögen, aber den Schritt zu outfit und Leben im öffentlichen
Raum nicht machen wollen.
Die Gruftie Mädchen sind aufgrund der Konstruktion des Stils abgeschiedener
als die anderer Jugendkulturen. Die Schwarzen sind in der greifbaren Realität
kein "street style", der Wert auf öffentliche Präsentation
und Konfrontation legt. Also bietet das Netz eine hervorragende Möglichkeit
eigene Stilvorstellung und Bilder zu präsentieren. Für die Gemeinschaft
der Einsamen und Scheuen ist das Internet das ideale Kommunikationsmedium. Es
läßt Kontakt und Austausch zu, aber die anderen kommen nicht zu nahe
an die eigene Person heran.
Die Charakterisierung der Techno- und House Szene und ihrer weiblichen Mitglieder
im Netz ist schwierig. Es gibt sehr viele Sites, die Zusatzinfos über Parties,
Bilder, Flyer oder auch Sounds anbieten. Im Unterschied zu den anderen Jugendkulturen
handelt es sich um eine reine Dancefloor-Bewegung, das heißt, man muß
die Parties selbst miterleben und die Musik dort hören: Das Girlie muß
tanzen. Die abstrakte Partizipation am Bildschirm über Webcams (Live-Kameras)
- z.B. bietet die Zeitschrift Prinz im März 1999 über das Internet
Einblick in drei Partys in Hamburg-, kann das eigentliche Lebensgefühl
der Szene nicht vermitteln. Die Musik ist für den Partyzusammenhang hergestellt
und erfordert die eigene physische Präsenz. Sie eignet sich nicht zur stillen
Partizipation zuhause.
Das Internet ist demnach kein Indiz für die Ablösung oder Verlagerung
von "street styles". Die Straße kann nicht durch virtuelle Räume
ersetzt werden. Trotz der immer verwendeten Stadt-Metaphern handelt es sich
um einen komplett anders organisierten Raum, der andere Kompetenzen erfordert.
Die virtuellen Räume im Internet weisen eine delokalisierte Gliederung
auf, die den Aufbau autonomer Kulturen im Netz strukturell begünstigt.
"...girls become gypsies in inner space, rather than exiles on Main Street."
(Reynolds/Press 1995, 348)
Wenn Mädchenkulturen das Internet nutzen, agieren sie, wie
gewöhnlich, von ihrem privaten Raum aus. Der private Raum ist der wichtigste
Ort, von dem aus sich Mädchen immer schon in virtuellen Kulturen bewegt
haben. Das Internet knüpft an vertraute, imaginäre Kommunikationsräume
an, wie sie z.B. das Telefon konstituiert (Spender 1995, 191). Sadie Plant behauptet,
das Netz hätte per se weibliche Strukturen und würde sich besonders
für die Verwirklichung von Projekten von Frauen anbieten (Plant 1998).
Es gäbe die gleichberechtigte Möglichkeit, in diesem virtuellen Raum
auch weibliche Territorien abzustecken. Das Netz bietet als medial-strukturelle
Grundvorausetzung den autonomen Access (Zugang), die unreglementierte Erstellung
von Informationen, deren Verbreitung und die einfache Herstellung von Kommunikation
über E-Mail, Chats, Foren, Newsgroups. Mädchen schätzen am Internet
die sofortige Verteilung von Informationen und die Möglichkeit des "instant
response" (Spender 1995, 175).
Weibliche Net-Competence und Net-Credibility rekurrieren auf die Entwicklung
der Kompetenz ,die medialen Strukturen anzuwenden, eigene Angebote zu machen
und lästige Angebote der männlichen Netzgemeinde einfach wegzuklicken.
Die Frauen schätzen am Internet auch die selbstgewählte Unsichtbarkeit,
die auf der einen Seite Vorteile in der medialen Interaktion bietet. Es kann
keinen ungewollten visuellen Kontakt geben, kein voyeuristisches Abtaxieren.
Es gibt auch eine andere, unerwünschte Seite der Unsichtbarkeit im Internet.
Das Bild von Weiblichkeit ist hier schon eindeutig sexuell besetzt. Diese Ersatz-Bilderwelt,
die sich vor andere mögliche Bildwelten geschoben hat, ist männlich
konnotiert. Neben der Straße okkupieren Männer nun ebenfalls den
virtuellen Raum. Sie haben es verstanden, große Territorien des virtuellen
Raumes zu besetzen und Frauen durch Pornographisches in Wort und Bild fernzuhalten
(Spender 1995, 183).
Trotzdem lassen sich die Frauen nicht abschrecken. Es entstehen neue Kommunikations-
und Organisationsformen: Netchicks, Netgrrls, Cybergrrls usw. Daran läßt
sich ablesen, daß die Strukturen der klassischen Jugendkulturen - außer
bei reinen Musikfan-Sites - verlassen werden. Das Internet kann die Entwicklung
von weiblichen Punks zu rriotgirls, von der Gothic Frau zur Cyberhexe und vom
Techno-Girlie zum NetGirlie befördern, allerdings nicht in einer direkten
Genealogie, sondern in Form von Querverweisen, des "Links".
An den weiblichen Sites im Netz ist auffällig, daß sich die meisten
explizit weiblichen Netzwerke Girls und Girlies nennen (vgl. Leonard 1997).
Das impliziert vorpubertäre, weibliche, aufrührerische Frische. Aber
gerade die Internet-Recherche unter diesen Suchbegriffen macht das ganze Ausmaß
männlicher Definition der Inhalte, nicht aber der medialen Strukturen,
sichtbar: Eine Anfrage ergibt zu 70% Sexsites (mit www.hotbot.com).
Danach folgen Girlie-Magazines, also reine Mädchenzeitschriften mit ca.
20%, und erst dann gibt es mit 10% Websites, die den Begriff Girlie als emanzipatorischen
benutzen.
Dies macht die Gefahr des Spiels mit diesen Stereotypen und Klischees besonders
deutlich, und zeigt, wie mißverständlich diese Form des "drag"
in dem Medium Internet sein kann, da hier ein Verfahren des Gender-Switching
kein visuelles ist, sondern über die sprachliche, imaginäre Ebene
der willkürlichen Bestimmung von Geschlecht läuft. Im Internet sind
Geschlecht und Alter wählbar. Dort hat der Begriff "Girlie" die
Bedeutung eine "frischen" Ware im Geschäft mit Lolita und Teen-Sex-Bildern.
Dagegen vollzieht das Girlie-Bild in den Jugendkulturen ein neues Verfahren:
das Time-Bending. Es "zappt" zwischen verschiedenen Zeitphasen des
Weiblichen und verweist durch die nicht-chirugische Verjüngung auf das
generelle Problem des gesellschaftlichen Jugendlichkeitswahns. Das Girlie zeigt
auf eine neue Weise die Konstruiertheit von Geschlecht, und zwar auf einer Ebene,
die vorher stilistisch noch nicht ausgereizt war. Der willkürliche Wechsel
in der Zeitachse weiblicher Biographie legt wiederum die Stereotypen von geschlechtlicher
Zeitlichkeit offen.
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