Birgit Richard
Why does it hurt when the beat misses my heart? Tanz,
Raum und Mode der Techno- und House Szene
Die Techno und House Szene hat in den letzten Jahren einen
Großteil der kommerziellen und Teile der alternativen Diskothekenräume
erobert. Sie hat unterschiedliche Formen des "Feierns" hervorgebracht,
einmalige Veranstaltungen, Rave oder Event genannt und regelmäßige
Techno- oder House Clubabende. Die sogenannte ravende Gesellschaft, die sich
in der Öffentlichkeit auf Großereignissen wie der alljährlichen
Mayday und der Loveparade formiert, versteht sich als eine große Gemeinschaft,
als community mit einer eigenen autonomen Kultur. Ein kulturelles Netzwerk von
neuen Kommunikationsorten wie Events, Szene-Boutiquen oder Plattenläden
und Studios ist entstanden. Die musikalischen und ästhetischen Erscheinungsformen
( Flyer, Zeitschriften, Websites...) der Szene sind maßgeblich durch die
neuen Möglichkeiten des Computers geprägt. Die Techno-Kultur hält
sich von verbalen politischen Aussagen fern und beläßt es bei "Love,
peace and unity". Damit ist sie eine typische Erscheinung für die
90er Jahre, die als eine alltagspolitische Forderung "nur noch" nach
dem kleinsten gemeinsamen sozialen Nenner, einem punktuellen, friedlichen Zusammenleben
strebt. Der Tanz ist das verbindende soziale Element im Mittelpunkt der kultgleichen
Feiern. Die Szene zelebriert einen technisch-medial erzeugten ekstatischen Kult
des jugendlichen Körpers bis an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit.
Alltägliche Zeitstrukturen, wie die traditionelle Einteilung in Arbeitswoche
und Erholungswochenende, sind suspendiert.
In einem ersten Schritt soll die Vorgehensweise bei der Interpretation der Ästhetik
zeitgenössischen jugendkulturellen Stils erläutert werden. Es folgt
die Analyse der strukturellen Merkmale und der Referenzräume des Stils,
die sich in Musik, Tanz, Kleidung, Räumen und der internen sozialen Formation
wiederfinden. Die abschließende Betrachtung bindet die Szene und ihre
profane Alltagskultur in die Räume einer technisch-medial definierten Gesellschaft
ein.
Methodische Annäherung an eine aktuelle Jugendkulturen
Vor der Analyse soll zunächst der verwendete, vielschichtige
interdisziplinäre Methodenapparat vorgestellt werden. Den theoretischen
Hintergrund bilden zum einen die Culture Studies, im speziellen Hebdiges Interpretation
der "secret signs of grace" eines Stils und die Wertschätzung
der "grounded aesthetics und profane culture" von Paul Willis, 1991.
Zum anderen spielt die um eine Öffnung der dogmatischen Kunstwissenschaft
bemühte Visual Culture (Mirzoeff 1999), die den "linguistic turn"
um den "pictorial turn" (W.J.T. Mitchell 1994) erweitert, ohne die
semiotische Grundlage zu verlassen, eine grosse Rolle.
Wichtigste Basis ist zunächst eine emphatische Teilnahme an repräsentativen
Szeneereignissen (siehe z.B. "Hingebung" an das Feld, Hitzler/Honer
1991, beziehen sich auf Wolff 1976 ), um Zeichen, Embleme und Kommunikationsformen
(vgl. Trendbüro 2000, Wörterbuch der Szenesprachen) einer Szene zu
verstehen (siehe auch Girtler 1991, S. 384 zur Notwendigkeit des Eintauchens
in die Szenen). Die erste Ebene ist das unmittelbare distanzlose Involviertsein
(die Figur der vollständigen Teilnehmerin nach Gold 1958, zitiert in Flick
1995, S. 153). Die zweite ist das dokumentierende, interaktive Involviertsein
(die Figur oszilliert zwischen der Teilnehmerin als Beobachterin und umgekehrt),
das durch den apparatischen Blick in Distanz tritt und sich in der fotografischen
und audiovisuellen Dokumentation von Events äußert. Beide Stufen
der teilnehmenden Beobachtung sind als offen, unstrukturiert und unsystematisch
zu charakterisieren (nach Flick 1995). Sie dienen als notwendige Voraussetzung
für eine weitere Materialrecherche. Die teilnehmende Beobachtung hat unterschiedliche
Koordinaten, die alle Orten des kulturellen Netzwerkes einschließt und
versucht die gesamte Szenetopologie, das Setting, zu erfassen. Dabei konzentriert
sich der mikroskopische Blick in Erweiterung von Spradleys (1980, S. 78 zitiert
nach Flick 1995, S. 160) sozialen Situationen vor allem auf ästhetischen
Situationen, auf ästhetische Handlungen (Tanz), Gegenstände (Kleidung)
und auf die Räume. Der Gegenstand ersetzt in einer neu zu begründenden
ästhetischen Feldforschung das Protokoll, da er die Verdichtung von Codes
und Bedeutungen der Szene darstellt. Die teilnehmende Beobachtung ist die Grundlage
für die Auswahl von Gegenständen für eine kontinuierliche Sammlung
von Gegenständen im Jugendkulturarchiv Frankfurt (www.rz.uni-frankfurt.de/fb09/kunstpaed/indexweb/start),
deren werkimmanente Analyse von Farbe, Form und Material die Thesenbildung stützt.
Die Sammlung stellt einen kleinen exemplarischen Teil einer Kulturgeschichte
des Alltags sicher. Von Theoretikern der Kunst- und Designtheorie/pädagogik
wird er wenig beachtet, obwohl er wesentliche Erklärungsmuster für
die Genese zeitgenössischer Formensprachen zur Verfügung stellt (vgl.
Richard 1990). Die Sammlung dient dem rekonstruierenden, archäologischen
Umgang mit den fremden Kulturen in der eigenen und versucht kulturelle Praxen
und die Codierungen von Jugendkulturen nachzuvollziehen.
Die Annahme der gegenwärtigen Kultur als "Marketingkultur" (Bolz,
im CI-Konzept des Trendbüros Hamburg 1999) erfordert die Beobachtung der
Jugendkultur auf der Ebene ihres Konsums, der eigenen kulturellen Produktion
und der Interdependenzen zu den Mechanismen eines kommerziellen Marktes. Das
heißt, daß auch eine Beobachtung der Infrastruktur des Marktes von
kleinen Boutiquen , über Plattenläden hin zu den großen Kaufhäusern
notwendig ist, um den Transfer der Formen zwischen den Generationen nachzuvollziehen
und die Entwicklung von Trends und deren Umsetzung zu verfolgen. Das schließt
z.B. die Besuche von wichtigen Messen wie der Interjeans in Köln, die im
Bereich der Mode Trends setzen, ein, um zu verfolgen, wie sich die angebotenen
Waren regional verteilen. Die Gestaltung der Szene-Outfits ist stark von den
örtlichen Club- und Streatwear Herstellern abhängig.
Die freie Feldforschung (Girtler 1991, S. 386) erfaßt sowohl offene (Straße,
Paraden), als auch halboffene (Clubs und Läden) und geschlossene Schauplätze
(Organisation und Geschäftsführung eines Clubs (Legewie 1991, S. 191).
Die Figur der teilnehmend beobachtenden Wissenschaftlerin ist der eines Trend-
bzw. Wordscouts als wichtigem Mittler bzw. Übersetzer zwischen Zielgruppe
und erfolgreichem Marketing für bestimmte Marktsegmente nicht unähnlich.
Die Wissenschaftlerin sucht als Augenzeugin und Insiderin Auffälligkeiten,
natürlich nicht um daraus einen neuen vermarktbaren Trend zu erspähen.
Hier geht es weniger um das frühe Entdecken von "opinion leadern",
ein mögliches Adäqualent zur "Schlüsselperson" (Flick
1995, S. 159), sondern um die Suche nach Gemeinsamkeiten, Wiederholungen und
Stereotypen des Stils. Die Instrumente der Trendforschung (z.B. des Trendbüros
Hamburg) wie das Monitoring und der Scannen heben vor allem auf die zunächst
unstrukturierte Beobachtung der Szene ab. Die nächste Ebene wendet diese
Methode des Scannens der Trendforschung an und wertet sämtliche kulturelle
Erzeugnisse wie Flyer, Zeitschriften und Musikvideoclips der Szene aus. Ästhetische
Feldforschung betrachtet daran anschließend die medialen Erzeugnisse und
Gegenstände der Szene und ihre mediale Rezeption, führt von einer
unstrukturierten Sammlung über die Verdichtung der Phänomene zu hypothetischen
Begrifflichkeiten. Die parallele Auswertung der Beobachtung aus zweiter Hand
des fotografischen und Videomaterials, soll Thesen über das Beobachte stützen,
wobei die Prämisse, daß kein apparatisch hergestelltes Bild dokumentarisch
ist (Flusser), mitbedacht wird. Ein weiterer Schritt ist die Befragung von Szenemitgliedern
im Rahmen verschiedener Events (z.B. Mayday, Nature One) in offenen, z.B. auf
Mode focussierten Interviews. Die Selbstaussagen nehmen in der Analyse allerdings
einen geringen Stellenwert ein, da sich diese in Anlehnung an kunstwissenschaftliche
Methoden auf den anschaulichen Charakter der ästhetischen Erscheinungen
konzentriert.
Die Ergebnisse aus den vielen unterschiedlichen Beobachtungs-Quellen werden
durch einen ästhetischen werkimmanenten Zugriff zusammengeführt, der
sich aus genauer Interpretation visueller Zeichen im Alltag und der unterschiedlichen
Medien der Jugendkulturen und nicht aus theoretischen Vorgaben wie z.B. aus
der inflationären Sekundärliteratur zu Techno speist. Auf der Basis
einer genauen Deskription der ästhetischen Phänomene des Stils wird
ein semiotisches Panel (Horx/Wippermann 1996) erstellt, z.B. für die Techno
und House Szene. Der vielfältige Prozess der kulturellen Stilbildung wird
so von verschiedensten Richtungen beobachtet, das entstehende kulturelle Universum
kann in seinem gesamten Prozeß kultureller und medialer Reproduktion und
der Schaffung von kulturellem Kapital und symbolischen Mehrwert erfasst werden.
Die folgende Analyse läßt weitergehende soziale Implikationen, subversive
Strategien und das Produktions- und Konsumverhalten der Szene unbeachtet. Der
nächste Schritt im Anschluß an die hier vorliegende analytische Verdichtung,
die nur Aussagen von begrenzter Tragweite treffen kann, wäre die Ausweitung
der Untersuchung zu einer kritischen Stiltheorie auf der Grundlage der ästhetischen
Erscheinung der Szene.
Ride the rhythm: Musik, Tanz, Kult
Ein differenzierter Blick auf die Techno-Kultur verdeutlicht, daß
es sich nicht um eine homogene Szene handelt, sondern daß die unter Techno
und House subsumierte Jugendkultur aus sehr unterschiedlichen musikalischen
Richtungen besteht. Nach dem Vorbild der ursprünglichen Entstehungsorte
der Musik, den Clubs von Chicago, Detroit und New York, in denen DJ's das Plattenauflegen
seit Mitte der 80er Jahre zu einer neuen Kunstform machen, entsteht diese Tanzmusikrichtung
nach einem komplexen Austausch- und Transferprozeß in Deutschland. Anfang
der 90er Jahre beginnt sich diese auf breiter, stärker kommerziell beeinflußter
Basis durchzusetzen. Die ursprüngliche Szene hat in die späten 60er
Jahre zurückreichende historische Wurzeln, bis in die Anfangszeit vollelektronischer
Popmusik (Pink Floyd, Emerson, Lake and Palmer, Tangerine Dream, Klaus Schulze
oder Brian Eno). Deutsche Elektronikpoppioniere wie Kraftwerk, Bands der Neuen
Deutschen Welle, wie z.B. DAF oder die Krupps ebnen den Weg. Techno-, House
und Drum+Bass haben zahlreiche Crossovers und Ausdifferenzierungen gebildet.
Einige stilistische Begriffe seien hier genannt ohne die Richtung genauer zu
charakterisieren: House, Trance oder Hardtrance, Acid, Goa, Ambient, Intelligent/Minimal
Electronic Listening, Gabber in der Anfangszeit zu Jungle, Speed Garage, Electro,
Big Beat, Downtempo, Two Step, Illbient (genaue Beschreibung siehe Richard/Krüger
1997 raver´s paradise).
House und Techno werden durch den klopfenden Rhythmus der Bassdrum (die sogenannte
"kicking bassline") bestimmt, das Element, was die Musik für
den Außenstehenden so monoton klingen läßt. Drum+Bass Grundlage
ist der Breakbeat, wo die Bassdrum einen Takt aussetzt. Das, was in Deutschland
mit House bezeichnet wird (in den USA hieß zu Beginn die gesamte Richtung
House), stellt einen auf bestimmte Phrasen reduzierten Gesang in den Mittelpunkt.
House entsteht durch die Mischung aus 70er Disco-Tanzmusik (wie z.B. dem komplett
synthetischen Munich Sound von Giorgio Moroder) Boogie, Soul, dem sogenannten
PhillySound (z. B. von Barry White) und computererzeugten Rhythmusstrukturen
in New York und Chicago.
Entscheidende Prinzipien der rein synthetischen Musik sind neben dem Sampling,
einem elektronischen Verfahren zur Weiterverarbeitung gespeicherter Versatzstücke
aus den Archiven der Musikgeschichte, Mix und Remix. Die Musik ist nicht "aus
einem Guß", sondern entsteht aus unterschiedlichen Quellen, z.B.
von zwei Vinylplatten auf zwei Plattentellern. Den Remix gibt es seit der Einführung
der Maxi- Single in den 70er Jahren, Techno macht das Verfahren zum Arbeitsprinzip:
Die Stücke (tracks) sind nicht abgeschlossen, sondern befinden sich in
einem permanenten Überarbeitungsprozeß durch unterschiedliche Produzenten
und DJ's. Das Ideal ist anfangs, so anonym Musik zu machen, wie eine Maschine,
beispielhaft vorgeführt von Kraftwerk. Mit der Ausdehnung der Szene zur
Massenbewegung, verschwindet das Anonymitätsideal. Jugendkulturelle Szenen
brauchen Identifikationsfiguren. So wird der DJ zum Star. Wegen der Vielzahl
von mehrtägigen Raves und neuen Clubs gibt es eine große Nachfrage
an DJ's. Bei den Jugendlichen wird der Wunsch, Rockstar zu werden und von dem
DJ zu werden, abgelöst. Das gibt vielen Jugendliche die Chance, als DJ
oder auch als Produzent aktiv zu werden. So kann man Techno, wie den Punk, als
einen demokratisierenden Schub lesen der, wenn auch nur für kurze Zeit,
die eingefahrenen Regeln des Musikbusiness aufbricht.
Für die Wirksamkeit einer neuen Musikrichtung ist neben der "Monotonie"
das fremde, "komische Geräusch" entscheidend, ein epochenspezifischer
Fehler in der Musik, der zum totemistischen Zeichen eines neuen Stil-Kults wächst
(Diedrichsen 1994, S. 27). Vom technischen Standpunkt handelt es sich um eine
Störung, für die Älteren ist es eine Reproduktion des Alltags-Lärms.
Die Störgeräusche, wie z.B. die 303, das Scratchen, das Ravesignal
usw. sind absichtliche Manipulation von Unterhaltungselektronik (Kittler 1989)
Dieser Mißbrauch zieht motorische "Fehler" im Tanz nach sich,
die "komische" Bewegung.
Seit den 50er Jahren folgt die Ablehnung der Musik und des Tanzstils immer dem
gleichen Muster: Die ältere Generation beklagt sich über Dauer des
Tanzvergnügens, über Monotonie, Lautstärke und Rauschhaftigkeit
der Musik, deren Automatismus kranke, wahnsinnige Bewegungen und Verhaltensweisen
erzeugt. Auch eine reine Tanzmusik wie Techno kann nicht völlig unpolitisch
sein, wenn sie vehemente Ablehnung provoziert. Eine liberale Elterngeneration
steht der ekstatischen Tanzbewegung Techno wieder fassungslos gegenüber,
hat man doch gerade in alternativen Tanzkursen, Tanz als befreienden Selbstausdruck
und als Rückkehr zu Natürlichkeit entdeckt (z.B. Bauchtanz, afrikanische
Tänze). Zum ersten Mal in der Geschichte von Jugendkulturen werden Abgrenzungsmechanismen
umgedreht. Die Jugendkultur integriert tanzbegeisterte ältere Mitglieder.
Im Gegenzug schotten sich Postadoleszenten-Kulturen in "garantiert technofreie"
Discos und Kneipen gegenüber "echten" Jugendlichen und ihren
Musik- und Tanzstilen ab, damit die Illusion der eigenen immerwährender
Jugend Bestand hat, die einen "allnighter" nicht überstehen würde.
In der Geschichte der Nachkriegsjugendkulturen sind es zum ersten Mal die Mods
in den 60er Jahren (davor Charleston und Swing), die das gesamte Wochenende
feiern und die fehlende körperliche Kondition mittels Speed aufrüsten.
Die Techno- Szene wählt die auch bei Managern und Yuppies beliebte, synthetische
aufputschende Droge Ecstacy. Eine sedierende, "natürliche" Droge,
wie das von den Hippies bevorzugte Haschisch oder Marihuana paßt nicht
zum Konzept der Szene. Die Droge dient nicht der Leistungssteigerung, sondern
der puren, narzißtischen Befriedigung. Die legale Droge Alkohol spielt
zunächst keine große Rolle (Ausnahme Jägermeister), eher Energy
Drinks, wie Red Bull. In dem Moment, wo Techno die Musik des normalen Wochenend-Tanzvergnügens
wird, Ende der 90er Jahre bekommt Alkohol wieder einen Stellenwert, was die
Verkürzung des Feierns impliziert.
Tanz-Gesten
Der Tanz ist kein akrobatischer, sondern ein Marathon- und Ausdauertanz
(zur Geschichte und Kategorien jugendlicher Tanzstile, siehe Richard/ Krüger
1995), ferner ein Mischstil, der Gesten unterschiedlicher Kulturkreise wie die
Musik "sampled". Nicht alle musikalischen Richtungen der Szene entwickeln
einen eigenen Tanzstil wie z.B. die "sexy house music" die mehr "Pelvis
Motionen" (Günther 1982) zeigt, also eine Betonung von Hüft-,
Brust- und Pobewegungen. Der offene Tanzstil schreibt keine Elemente vor und
läßt viel Raum für eigene Improvisation. Der Tanz wird durch
eine gewisse Gleichförmigkeit der Bewegungen charakterisiert, es gibt keine
abrupten Wechsel zwischen schnellen und langsamen Bewegungen, wie z.B. beim
Pogo. Rhythmusänderungen und Breaks werden durch ekstatische Schreie abgebaut,
nicht durch heftige Körperbewegungen. Als charakteristische Fuß-
und Beinbewegung kann man das mechanische, fast Auf-der-Stelle-Treten und Stampfen,
den "Techno- Jog" oder "Hamster im Laufrädchen" bezeichnen,
der in einer nach vorne gebeugten Collapse-Stellung als ein Platztanz durchgeführt
wird und eine Verwandtschaft zu afrikanischen Stammestänzen (siehe Günther
1982) aufweist. Die englischen Mods entwickeln zu Jazz -und Soulmusik (z.B.
Tamla Motown, Detroit) den ersten reinen Club-Tanzstil, der neben einer komplizierten
aus dem Twist adaptierten Beinarbeit, die für House und Techno später
charakteristischen Drehungen und Schleifen mit den Händen zeigt.
Die Techno-Tanzszene zeigt anfangs mit weißen Handschuhen ausgeführte
pantomimischen Gebärden, die keinen bestimmten Vorgang darstellen. Es findet
eine partielle Entleerung des Gestischen statt. Die spiralförmigen Armbewegungen
und Verdrehungen der Handflächen lassen sich assoziativ sowohl traditionellen
balinesischen Tänzen als auch Tai chi und Kampfsportverteidigungsgriffen
zuordnen. Diese Hervorhebung der oberen Extremitäten widerspricht der europäischen
Tanztradition, in der die Arme, wie im Ballett, als stabilisierendes Element
stillgestellt werden. Die schleifenartigen Bewegungen korrespondieren mit den
loops in der Musik. Sie verweisen auf das Zirkuläre, auf geschlossene Formen,
die immer wiederkehren und Modulationen unterworfen werden, auf das "Auf-Sich-Selbst-Zurückgeworfen-Sein",
das durch das feedback anderer Tänzer wieder aufgebrochen wird. Eine öffnende
Geste ist dagegen das Ausstrecken der Arme, das auf eine undefinierbare sehnsuchtsvolle
Erwartung einer symbolischen oder realen Umarmung mit anderen TänzerInnen
und der ganzen tanzenden community hinweist. Gasmasken oder Lollis versiegeln
den Körper gegen das Außen, so daß der Tanz ein ständiger
Wechsel zwischen individueller Abkapselung und Öffnung nach außen
ist.
Techno-Tanz besteht in einer permanenten Pose und in der exzentrischen Selbstdarstellung
aller. Weil sich kein Einzeltänzer mehr aus der tanzenden Masse herausheben
kann, kommt es zum "Gogo-Syndrom", zu einem entprofessionalisierten
Revival des abgehobenen Tanzens auf Podesten. Im Unterschied zu den 70er Jahren
ist Gogo-Dancing nun eine Möglichkeit für die stolze narzißstischen
Präsentation des männlichen und weiblichen Körpers, kein dem
Striptease nahestehenden Akt.
Durch das Ausstrecken der Arme über den Kopf wird der Tanzraum erweitert.
Die Aufwärtsbewegung der Arme verweist auf den Wunsch abzuheben ("fly"
ist der Schlachtruf von DJ Steve Mason), die Gravitation der Erde hinter sich
zu lassen. Diese Verlangen nach Schwerelosigkeit entspricht wieder der europäischen
Tanztradition.
Arme und Hände zeichnen Figuren, die nach oben in eine imaginäre Weite
des Himmels streben und auf das mentale Verlassen des realen Raumes anspielen.
Musik und Tanz symbolisieren Mobilität und Fortbewegung z.B. in den Paraden
die Durchquerung von Räumen ohne bestimmtes Ziel. Die Szene kann diese
Erde jederzeit verlassen, sie trägt alles bei sich und nah am Körper,
Portemonnaies an der Kette, kleine Rucksäcke, Kleidungsstücke mit
vielen Taschen. Auch der Tanzraum selbst wird mobilisiert, er bewegt sich als
ein abgeschlossener Raumkörper fort. Dafür werden alle konventionellen
Verkehrsmittel benutzt: Phänomene wie der Ravetrain, Rave and Cruise (Schiff),
Camel the Move(Flugzeug) oder das Ravemobil (Köln-Amsterdam) konstruieren
einen immateriellen Tanzraum, der die Geschwindigkeit der Fortbewegung benutzt,
um sich aus dem Alltag zu entfernen.
Man bewegt sich im Tanzschritt fort und ist nur in der eigenen Ruhepause Zuschauer.
Durch die permanente Bewegung der TänzerInnen ist eine Position oder Fixpunkt
im Raum schwer zu bestimmen. Im Inneren des Tanzraumes wird die bis dahin immer
durchgehaltene Trennung von Tanzfläche und Umraum zum ersten Mal in der
Geschichte der jugendlichen Tanzkulturen durchbrochen. Alles ist Tanzfläche.
Tanz läßt sich nicht mehr auf ein kleines Quadrat auf dem Boden einengen.
Bei Techno findet die Extension konventioneller Tanzräume statt, die Raum-Zeit
Vektoren von Tanz und Tanzraum weisen in alle Richtungen: Neueroberung des vertikalen
Raumes (Arme, Flugzeug), des horizontalen (Durchqueren des Tanzraumes, Zug,
Paraden) und eine Ausdehnung der zeitlichen Dimensionen (gesamtes Wochenende).
Techno als Tanzform erlaubt die körperliche Präsenz in einer Form
von virtuellen Realität als ein "Hinübergleiten aus den normalen
Räumen in die noch nicht durchmessenen" (Kracauer).
Ekstase, Tanz und Religion
Das Techno-Event schafft einen außeralltäglichen Raum,
in dem auch die Sehnsucht nach einer gleichgesinnten Gemeinschaft ausgedrückt
wird. Dieser latente Sehnsucht kann durchaus mit der Suche nach einer Form von
Religiösität gleichgesetzt werden kann. Der Blick und die Gesten sind
oft nach oben gerichtet, der Tanz führt zu Ekstase und mystischer Verzückung.
Dem Streben nach oben ohne göttliches Ziel entsprechen Veranstaltungen
wie Crusade, die im Februar 1996 in Hamburg und in Frankfurt in der Katharinenkirche
stattgefunden haben.
Die Szene bezieht den Kultcharakter von Musik direkt in den Stil ein und erklärt
sich selbst zu einer Religion. So heißt es im Klappentext der CD "Mayday
The Religion": "In music and dance I express myself as a member of
a higher community, I have forgotten how to walk and speak and I am towards
flying into the air".
Der Theologe Buschmann konstatiert trotz abnehmender Kirchlichkeit bei Jugendlichen
eine diffuse, individuelle Religiosität (vgl. Buschmann 1998). Auf die
Techno-Szene trifft ein funktionaler Religionsbegriff zu:"Die Frage nach
religiösen Inhalten tritt zurück hinter der Bedeutung der religiösen
Ausdrucksformen." (Dumke 1997, S. 208). Die Form dominiert über Inhalt,
Gehalt und die Selbstaussagen von Religion treten hierbei in den Hintergrund.
Techno wird als eine "Erlebnis-Religion ohne Dogmatik" (Daiber 1992,
S. 572) bezeichnet.
Dieses trifft eindeutig zu, Religion wird als Form benutzt, die Techno-Szene
bedient sich ähnlich wie andere Jugendkulturen aus dem Fundus der Religionen,
konzentriert sich aber mehr auf Ekstasetechniken und den Gemeindegedanken, nicht
so sehr auf christliche Symbole.
Der das ganze Wochende dauernde Endlostanz reanimiert das Spirituelle im Tanz
und durchbricht damit die biblische Ruheverordnung am siebten Tag, stellt damit
also die kulturellen Patterns des Christentums infrage. Die Permanenz des Tanzes
und die pausenlosen rhythmischen Wiederholungen von Takten der Tanzbewegung
sprechen außerdem eindeutig für die Orientierung an außereuropäischen,
nicht christlichen Kulturkreisen, z.B. an rituellen afrikanischen Stammestänzen.
Die Notwendigkeit eines gleichförmigen Rhythmus ist bei Techno von ethnischen
Ekstasetechniken abgeleitet. Diese haben traditionell das Ziel des körperlich-seelischen
Erlebens des Göttlichen (vgl. antike Dionysos Kulte, tanzende Derwische).
Die exakte Form und Technik des Tanzes soll eine durch den Körper selbst
erzeugte Ekstase herbeiführen, in der der Mensch sich als göttlich
erlebt, weil er von einem Gott oder Ahnengeist gepackt wird (Günther 1982,
S. 7ff) . Der Techno-Tanz wird zu einem rauschhaften kollektiven Erlebnis, bei
dem eine große Menge von Leute in mystischer Verzückung bei Veränderungen
der rhythmischen Struktur der Musik ekstatische Schreie ausstößt.
Der Unterschied zu ethnischen Kulten und zum Christentum ist, daß der
ekstatische endlose Tanz von der gesamten community, der Rave-Gemeinde, nicht
nur von einem Priester, Schamanen oder wenigen Auserwählten ausgeführt
wird.
Zudem lassen Ekstase und Verzückung den Tanz zum Sex-Surrogat werden, Leidenschaften
und narzißstische Wünsche werden exzessiv in der rhythmischen Bewegung
des Körpers ausgelebt. So stellt dieser Kult eine Technik der Selbsterlösung
des Individuums dar. Techno ist eine zeitgemäße Umsetzung kultischer
Ekstase auf der Basis der Strukturen des Computerzeitalters in einem mediatisierten
künstlichen Raum. Die Präsenz einer feindlichen, zerstörerischen
Außenwelt, die starke positive Gefühle wie Liebe nicht zuläßt,
läßt den Wunsch entstehen, so lange wie möglich davon abgeschirmt
zu sein. Die Außenwelt repräsentiert den Ort der Widersprüche,
während im Event-Raum die paradiesische Harmonie der Bassdrum herrscht
und alle in der Ravegemeinde aufgehoben sind. Die Tanzenden erfahren nicht das
Göttliche, sondern das Soziale, die kommunikative Existenz von gleichgesinnten
Mitmenschen und eine punktuelle Gleichheit aller (vgl. Richard 1995)
Die Evolution des Androgynen im Tanz
Eine wesentliche Veränderung bringt Techno im geschlechtsspezifischen
Tanzverhalten mit sich. Das ungleichgewichtige Verhältnis der (meist männlichen)
Betrachter zu den (meist weiblichen) Tanzenden wird aufgehoben, weil sich das
gesamte Publikum in einer permanenten Tanzbewegung befindet. Tanz spielt für
Mädchen und Frauen eine besondere Rolle, als eine unverfängliche Möglichkeit
körperlicher Selbsterfahrung, erotisches Ausdrucksmittel und eine Demonstration
weiblicher Unbeschwertheit (McRobbie 1985, S. 128), während er für
Männer oft eine unbequeme und überflüssige Vorstufe für
die Werbung um ein Mädchen darstellt. Nur die Möglichkeit männlicher
Selbstbestätigung über die Ausführung akrobatische Elemente,
wie beim Rock'n roll oder Breakdance wird akzeptiert. Die Massentanzbewegung
Techno eröffnet auch einer Vielzahl von Männern zum ersten Mal die
autoerotische, ekstatische Dimension des Tanzes und die Formung des eigenen
Körperbildes über einen bewußt gewählten Kleidungsstil.
Die männlichen Körperbilder tendieren zur visuellen Grenzüberschreitung
zum anderen Geschlecht, in Richtung des Androgynen. Die Mode weicht die verhärteten
Strukturen der Geschlechterkonstruktion auf, auch wenn die androgynen Formen
oft nur der ästhetischen Differenzierung dienen. Geschminkte Männer
oder Männer in Röcken verharren in diesen experimentellen Posen, sie
sind selten echte Crossdresser, Transvestiten bzw. Drag Queens. Tuntiges Posieren
wird zur Modeerscheinung. Entscheidend ist aber, daß im Laboratorium des
Techno-Events oder des House-Clubs, die visuellen Experimente zur Umdekorierung
des männlichen Körpers überhaupt möglich sind.
Die Veränderung männlicher Körperbilder und -erfahrungen ist
wesentlich angestoßen durch die kulturelle Praxis der schwulen, schwarzen
Minderheitenkultur in den USA, die über die frühe englische Acid House
Szene und die House Clubs der 90er nach Europa gelangt. Für die Techno-
und House Kultur sind sie "opinion leader", die durch die Mischung
von "street credibility", schwarzer Coolness und schwuler Tanzekstase
für eine authentische Partykultur bürgen (siehe Poschardt 1995, S.
246). Die ekstatische und erotisch aufgeladene House Szene bringt schwules Körperbewußtsein
ein, ebenso wie Formen der Feier homosexuellen Lebensgefühls und Selbstbewußtseins,
die wie der St. Christopher's Street Day zusammen mit dem Londoner Nottinghill
Carnival zu den Wurzeln der Berliner Love Parade werden. Die männlichen
"fashion victims" üben sich in narzißtischen Posen die
vor allem die Stilstrategien der Gay Szene aufgreifen, wie sie z.B. in dem Film
"Paris burning" von J. Livingstone mit dem Begriff "Vogueging"
beschrieben werden. Auch weibliche Grenzüberschreitungen zum männlichen
Geschlecht lassen sich erkennen in der transformierten Sportkleidung und in
klobigen Schuhen und in der Adaption der schwulen Tanzgestik. Die Crossdressing
Strategien der Szene verweisen auf die labile Konstruktion visueller Geschlechternormen.
Die Gestalt der Event- und Clubkultur
Zu den gestalterischen Strukturprinzipien, die den Stil bestimmen,
gehört zum einen die Künstlichkeit. Die Neuordnung der Wach- und Schlafphasen
im sogenannten "allnighter", der sich über das ganze Wochenende
ziehen kann, ignoriert den natürlichen Tages- und Nachtablauf. Künstlich,
nämlich computergeneriert, ist die Musik mit ihren Einzelelementen. Durch
das Pitchen der natürlichen Stimme entstehen kindliche, Mickey Mouse-ähnliche
Töne (z.B. im Gabber-Techno).
Der Referenzbereich Kindheit zeigt das willentliche, stilistische Ausscheren
aus der Welt der Erwachsenen. Die Verweigerung des Älterwerdens und die
Kultivierung des schrillen kindlichen Geschmacks sind dabei die Grundlage für
das vorurteilsfreie Miteinander und die Geborgenheit aller, in der großen
Ersatzfamilie eines Events.
Kindliche Elemente bestimmen die Club- und Eventszene, Begriffe wie girlie,
cutie, babe oder boy verweisen darauf. Heidi-Zöpfe, Spangen, die Miniaturisierung
von Accessoires z.B. von Rucksäcken, Spielzeug (Wasserpistolen) und Süßigkeiten
(Brause-Halsketten) sind wichtiger Bestandteil des Stils. Der infantile Look
ist umfassend, sogar die Drogen, die Ecstacy- Pillen, bekommen ein kindliches
Gesicht, ihnen sind Smileys, Fred Feuerstein, Dinosaurier oder Delphine als
Motive eingeprägt.
Mit dem ursprünglichen "girlie" Bild der Techno- und House Szene
wird kein individualistisches antifeministischen soziales Klima erzeugt (Graw
1997, S. 80). Es ist nicht regressiv, sondern kreiiert einen Schutzraum für
Mädchen und junge Frauen. Mit dem ursprünglichen Girlie Konzept der
prä-pubertären und prä-sexuellen Outfits symbolisieren vor allem
Frauen und Mädchen gleichzeitig einen autonomen und unschuldigen Umgang
mit dem Körper. Sie signalisieren, daß sexuelle Attraktion nicht
das Ziel der partiellen Entblößung ist. Dadurch, daß sie sich
selbst dem kindlichen Bereich zuordnen, zeigen sie ihr Bedürfnis in Ruhe
gelassen zu werden. Den Männern geben sie mit der Darstellung dieser Grenze
das Signal der Unantastbarkeit. Auch diese tragen große Ketten mit Holzperlen
und widmen sich als Spaßguerilla, bewaffnet mit Pumpguns aus buntem Plastik,
dem Kindervergnügen des Naßspritzens. Der Rückgriff auf infantile
Elemente erlaubt auch den Männern, Macho-Posen zur sexuellen Beeindruckung
einfach zu unterlassen, um einen spielerisch-unbefangenen Umgang mit dem anderen
Geschlecht zu erproben.
Bunte Haare und falsche Wimpern, die grelle Neon-Farbigkeit und Materialien,
wie ausgefallene Kunststoffe in der Kleidung verweisen auf das Artifizielle
und technisch Erzeugte.
Natürliches, wie die Sonnenblume oder eine grüne Wiese taucht immer
in einer künstlichen Reproduktion auf. Die Betonung liegt auf vom Menschen
entworfenen, chemisch erzeugten Spezialmaterialien, Heavy Duty Stuff, der wahlweise
wasser- (Neopren), fett- und ölabweisend, schwer entflammbar und extrem
belastbar ist.
Abgeschlossenheit und Hermetik des Stils in der Kulminationsform des Events,
des Raves oder des Clubabends als oberer Ebene, bilden ein weiteres Prinzip.
Die Räumlichkeiten sind abgeschlossene Laboratorien, in denen die unterschiedlichsten
Zusammensetzungen von Party People erprobt werden, um die richtige "chemistry"
für den Abend zu erzeugen.
Diese Hermetik beinhaltet bestimmte Ausschlußkriterien. Wie alle Subkulturen
stellt auch Techno die Behauptung der Egalität innerhalb des Stils in den
Raum. Das Postulat der Egalität gilt nur für die stilinternen Ebene.
Soziale Unterschiede, wie Schicht- oder Geschlechtszugehörigkeit, Alter
und politische Gesinnung sind im Moment des Events in der Tat außer Kraft
gesetzt, sie werden im Tanz egalisiert. Techno ist damit eine punktuelle nämlich
nur für den Zeitpunkt des Events- integrative und demokratisierende jugendkulturelle
Bewegung.
Die exklusiv- hermetische Züge, die bei Punk oder HipHop auch die Veranstaltungen
selber bestimmen, gibt es nicht. Dafür regeln strenge beständige Auswahlkriterien
den Zugang, z.B. durch die Türpolitik in der Clubszene und stellen eine
andere soziale Ordnung her. Die internen Stilhierarchien bleiben latent wie
etwa die Unterteilung in eine "tanzende dirigierbare Herde" und in
eine privilegierte, produzierende Elite, wie DJs und Producer. Die gleiche Beteiligung
der Geschlechter an Tanz und Mode verschiebt sich wieder zugunsten der Männer.
Der Tanz überdeckt für diesen Moment die tiefe Spaltung , die trotz
aller "Unity"-Beteuerungen auch in dieser Szene existieren. Wie im
Swinging London der Mods bleibt Klassenlosigkeit auch in der Techno-Szene nur
ein Konstrukt der Repräsentation. Die interne Stilhierarchie drückt
sich in einer Marktdifferenzierung anhand von Produktgruppen aus: Die CD-Compilation
wird für den User gemacht, die Vinyl Pressung oder das White Label für
den praktizierenden DJ. Diese Hierarchien werden weniger durch die Mode ausgedrückt,
als durch Einrichtungen wie VIP Lounge, Pässe oder Bemusterungsstrategien.
Neben einer sozialen Einteilung tendiert auch der individuelle Körper symbolisch
dazu, sich durch die Materialien und Accessoires von äußeren Einflüßen
abzuschotten. Enganliegende, teilweise dichte Oberflächen wie Neopren,
Gummi, Kunststoff, Leder oder Gegenstände wie Schnuller, Lutscher und Gasmasken,
schließen die Öffnungen des Körpers, konservieren ihn wie eine
Mumie oder grenzen in von einer körperfeindlichen Umgebung ab. Wie im Taucher-
oder Astronauten-Anzug wird körpereigene Energie und Wärme für
ein Event gespeichert, ein paradoxes Unterfangen, da eine Forcierung der Prozesse
z.B. des "Verstrahltseins" durch Drogen und Hitze stattfindet.
Die Veränderung der Wahrnehmung, z.B. die Einschränkung der Sicht
durch dunkle Sonnen- oder Schweißerbrillen, des Geruchssinns und der Atmung
durch Gas- oder Grobstaubmasken und der tänzerischen Bewegungsfreiheit
durch klobige Plateau-Schuhe wird konterkarriert durch die immaterielle bzw.
mentale Erweiterung mittels chemischer Hilfsmittel, wie Stoffen zum Inhalieren
(Wick Vaporup) oder Designerdrogen.
Die Kleidung erzeugt Assoziationen, die über das eigentliche Material hinausweisen.
Sie sind gleichzeitig imaginärer Schutz gegen unsichtbare Gefahren wie
Strahlung (Laser, Röntgen) oder Gefahrenstoffe (Säure) aber auch bewußtes
Ausliefern an diese Gefahren: Ein Ausdruck für das Breitsein durch Drogen
ist verstrahlt, eine Musikrichtung heißt nicht nur aufgrund der Töne
der 303 Maschine, Acid, Säure.
Die buchstäbliche Oberflächlichkeit ist das nächste Strukturprinzip,
von dem sich zwei weitere ableiten, nämlich Reflexion und Layer. Die gesamte
Kleidung, auch der Ärmelbereich und die Innenseiten, wird an der Oberfläche
über Aufdrucke, Aufnäher und Layout geformt. Gestaltung greift nicht
mehr in die Tiefendimension ein. Die speziellen High-Tech Materialien machen
die Körper zu reflektierenden und kommunizierenden, also partiell immaterialsierten
Reflektions- und Projektionsoberflächen, die sich zwischen durch Licht
erzeugten Farbwänden bewegen. Die Kleidung wird zum Bildträger, zum
Monitor, der Icons, Marken und Signets wie ein permanentes Standbild präsentiert.
Der Körper wird zum Medium, der die Beliebigkeit der Symbolik und Surrogat-Ikonizität
der inhaltsleeren Signets und Zeichen der Konsumgesellschaft reproduziert, aber
in den neuen Sinnzusammenhang des Stils stellt.
Layer bzw. Schichtung entfaltet sich im Oberfächen-Klangteppich der Musik
durch Mix und Remix Techniken, die Überschneidungen und Verflechtungen
erzeugen. Label, also Platten- oder Clubwear Firmen stellen mit vielen Sub-Labeln
wiederum ein geschichtete, nicht hierarchische Struktur dar. Schichtung entsteht
in der Kleidung durch die Verknüpfung und Überlagerung bestimmter
zeitlicher Elemente, Vergangenes vom Flohmarkt und High-Tech Materialien der
Zukunft werden kombiniert. In Form des praktischen Zwiebellooks trägt man
viele Kleidungsschichten, z.B. T- Shirts übereinander. Sie werden vorne
und hinten über der Hose umgebunden, so daß der Aufdruck gut sichtbar
ist. Es kommt auch zu Umstülpungen der Schichten am Körper: Unterwäsche
wird zum sichtbaren Partydress. Die Schichtungen sind wie die in der Gestaltung
von Flyern oberflächlich, bleiben also in der 2. Dimension. Embleme in
Form von Logos und Markenzeichen sind der einzige Punkt auf der Kleidung, der
aufgrund dreidimensionaler Effekte, wie z.B. blinkenden Labeln oder OpArt Strukturen,
Tiefe entwickeln.
Reflektierende Label und Neon-Warnfarben entsprechen dem Strukturprinzip von
Strahlung und Sichtbarkeit. Der Körper sendet über eine elektrifizierte,
punktuelle blinkende Kleidung Lichtsignale aus. Fluoreszierende Stäbe,
die in der Hand oder mit dem Mund gehalten oder umgehängt werden und Laserpointer
verstärken diesen Eindruck. Die Kleidungswahl berücksichtigt, daß
das tanzende Individuum nur existiert, wenn die Kleidung die Lichtimpulse zurückwirft
und es aus der Masse und dem umgebenden Raum hervorhebt.
Mikrogesellschaft der Zukunft: Symbolische Repräsentanzen
Die Mode der Techno und House Szene erzeugt einen sehr disparaten
Referenzraum, der durch die Enteignung von Gegenständen und Strukturen
auf unterschiedliche Funktionsbereiche der Gesellschaft Bezug nimmt. Der zentrale
Referenzbereich, mit dem alle anderen verflochten sind, ist die Arbeit. Seine
Adaption in der Workwear greift Formen von Schutz- und Arbeitskleidung auf.
Dabei handelt es sich um langlebige, besonders robuste US Produkte, dort überall
erhältliche Massenware (DocMartens, carhartt, Dickies). Zwei gegensätzliche
Sphären von Produktion werden visualisiert und mit ihnen Vergangenheit
und Zukunft der Arbeit: Neben die berührungsarme, keimfreie High-Tech Produktion
von Prozessoren und Chips, das Arbeiten in schwerelosen bzw. virtuellen Welten,
mit Accessoires wie weißen Handschuhen, tritt der traditionelle Bereich
von Hand- bzw. maschinell verstärkter körperlicher Arbeit, mit schweren,
klobigen Schutzmaterialien, Schweißerbrillen, Gas- oder Grobstaubmasken.
In der Workwear visualisiert sich der Übergang von der konkreten zur immateriellen
Arbeit. Die Reflektorjacken von Straßenarbeitern, Müllmännern,
Autobahndienst, Kanalisationsarbeitern, die Schuhe von Baggerfahrern (z.B. die
Caterpillar Walking Machines) versprechen noch "echte" körperliche,
aber schlecht angesehene und bezahlte Arbeit. Die Straßenkehrer-Jacke
ist neben ihrer Warnfarbe und den reflektierenden Streifen deshalb interessant,
weil sie die Diskrepanz zwischen sterbender Industriearbeit, High-Tech und IT
Arbeitsplätzen für wenige Auserwählte und den niedrigen Service-,
den MacJobs, andeutet.
Neben dem Verweis auf Industriearbeit wird die Symbolik einem speziellen Arbeitsbereich
entnommen, dem der extremen Situationen: Notfall, Unfall, Katastrophe, Gefahrenstoffe.
Konkrete Anleihen entstammen der Arbeits- und der öffentlichen Sicherheit:
Polizei, Feuerwehr, Notarzt, Security, Drogenfahndung. Katastrophe und permanenter
Notfall sind im Event alltäglicher Dauerzustand, verdeutlicht z.B. in der
Notfallsirene, dem Ravesignal oder Begriffen wie Mayday. Techno zeigt die Vorbereitung
auf das Survival in X-tremsituationen. Eine andere Wendung erhält die Arbeitskleidung
in der Thematisierung zukünftiger Arbeit im Weltall. Die Stilisierung der
"utopischen Kleidung" (Loschek) erfolgt in Anlehnung an die visuellen
Chiffren alter und neuer Science Fiction Romane, Filme und Serien (Crews von
Raumschiff Enterprise oder Orion).
Ein weiterer Referenzbereich ist der Sport. Sport wird zur Arbeit, zur endlos
perpertuierten Marathon-Leistung. Entweder wird Sportkleidung direkt enteignet
bzw. reanimiert, wie die blauen Adidas Trainingsjacken aus den 70er Jahren oder
man übernimmt nur prägnante Teile, wie die Streifen. Der Signalcharakter
der Grundfarben und klaren Formen ihrer Firmenlogos machen die Bekleidung von
Fila, Helly Hansen oder Tommy Hilfiger so begehrt. Als Outdoor Kleidungsstücke
verwenden sie einprägsame Formen und gleichzeitig High-Tech Schutzmaterialien.
Sportarten, denen Elemente entlehnt werden, sind Motorcross, Segeln, Snowboard,
Fußball, Skifahren und Skaten. Bemerkenswert ist, daß vor allem
die Bekleidung von Outdoor Sportarten benutzt wird. Die für warme Innenräume
nur bedingt geeignete Kleidung zeigt eine Verlagerung des Äußeren
nach innen an. Der Innenraum ist gleichzeitig der öffentliche Raum draußen.
Das Außen tritt ein, wenn die Welt und der öffentliche Raum über
das Internet nach innen in ein Cafe oder einen Club geholt werden.
Als Stil ist Techno eine paradoxe Mischung von Gegensätzen. Die "Natürlichkeit"
des nackten männlichen Oberkörpers, des partiell entblößten
weiblichen Körpers, die durch musikalische Differenzierungen wie Goa eingebrachten
Naturmaterialien und die ethnische Symbolik, steht im Gegensatz zum totalem
Synthetismus der Tanzsituation. Die direkten Manipulationen und Einschreibungen
in die Körperfläche durch Tattoos und Piercing lassen die wiederhergestellten
primitiven Körper in Kontrast zur technologischen Zurichtung über
Musik, Licht und Raum treten.
Nackheit und Entblößung bringen keinen natürlichen, sondern
einen in seiner Oberfläche durch Workout, Wonderbra gestalteten Körper
zum Vorschein und verdeutlichen so die Möglichkeit der Konstruktion von
Körperbildern. Das Streben nach der größtmöglichen Robotisierung
und Forcierung der Entfremdung, findet man auch in Phänomenen, wie der
aktuellen Form des Plateauschuhs, der "Monsterlette" ("Buffalos").
Revival und Old School Elemente zeugen von der Gleichzeitigkeit mehrerer Zeitebenen,
die im Stil eine Synthese eingehen: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Revival
beinhaltet etymologisch die Dimension der Veränderung in der Wiederbelebung
, z.B. durch Wiedereinführung der glänzenden Stoffe der 70er Disco-Szene
wie Satin, Lurex, PVC, Pailletten, Straß und die Farben Silber, Gold oder
Kupfer in die Klub-Kultur. Auch das Plumpe, Ungestalte in Form von überdimensionierten
Schlaghosen, Plateauschuhen und abgerundete oder überdimensionale Hemdkragen
kehrt zurück. Gegen das erkennbare Schrille und die High-Tech-Materialien
der Techno Szene werden das proletarische Spießige und der "schlechte
Geschmack" der 70er gesetzt. Der "Hausmeister- Look" bestehend
aus Trainingsjacken, Unterhemden, braven Polyacryl- Pullovern, Pullundern in
beige-braun und korrekt gescheitelte Frisuren wird, wenn überhaupt, erst
spät als Subversion erkannt. In Anlehnung an die englischen Mods grenzt
sich diese neue Spießigkeit jedoch klar von der leistungsorientierten,
kostspieligen Angepaßtheit der Popper in den 80er Jahren ab, weil sie
bewußt das Unspektakuläre, das nicht Markierte, das billige, proletarische
Allerweltsprodukt benutzt.
Im Unterschied dazu zeigt das sogenannte Old School Phänomen bei Techno
eine gänzlich neue Form der selbstreferentiellen Rückbesinnung: Der
Rückgriff auf die Urformen des eigenen Stils in seiner Entstehungsphase
als stilinternes Revival z.B. den "adidas old school"- Trend zu Beginn
der 90er Jahre, wo alte Sportsynthetik- Trainingsanzüge aus den 70er Jahren
über die HipHop- Szene zu den Ravern gewandert sind und Ende der 90er wiederum
zurückkehren (das Modell Adidas Superstar), führt die Autopoiesis
von jugendkulturellen Systemen vor Augen.
Körper-Raum Relation
Die Techno und House Szene generiert ein geschlossenes symbolisches
System, das auf viele Orte der Welt übertragbar ist. Stil und Arbeitswelt
koexistieren und sind nicht mehr unvereinbar wie beim Punk. Als teilweise identische
Parallelwelten dienen sie der Einübung der gleichzeitigen Existenz in vielen
natürlichen und virtuellen Welten. Wichtige gesellschaftlichen Bereiche,
Arbeit, Freizeit, Sport, Kampf, Krieg, Exekutive, Notfall, Technologie werden
verzerrt in einer ortsungebundenen Mikrogesellschaft dargestellt. Die Techno-
und House Szene besitzt wie jede Gesellschaftsform Hierarchien und ist ein Zerrspiegel
von Charakteristika der Erwachsenengesellschaft. Die Werte der Gesamtgesellschaft
werden dezentriert, übertrieben oder bewußt mit sinnlosen Leerstellen
versehen. Die Szene verweist abstrakt über Symbole und Embleme auf Zukunft
und Technologie. Blinkende Applikationen an der Kleidung, kleine Lampen, leuchtende
Lutscher, Laserpointer und andere reflektierende, strahlenaussendende sind niederkomplexe
Technologien, die ein unbewußtes Bild von neuen Technologien mit infantilen
Mitteln herstellen.
Die Techno und House Szene simuliert im Event auf einer vortechnologischen Stufe
die Existenz in einer materiell-körperlichen Welt, die durch immaterielle
Impulse und Reize bestimmt wird. Umschalten zwischen materiell- immateriell
erfolgt, wie oben analysiert, abstrakt symbolisch über eine medialisierte
Kleidung, die den konkreten technologischen Verfahren, wie dem "wearable
computing", sehr ähnlich ist.
Motive wie Astronaut, Cyborg und Alien eröffnen ein ganzes Spektrum neuer
Körperwelten, das von der Entdeckung anderer Lebensformen bis zu dem Wunsch
reicht, selbst ein Wesen vom anderen Stern zu sein oder zu einer technoiden
Maschine zu werden. Die symbolische Robotisierung des Körpers z.B. in bestimmten
Tanzbewegungen führt zur Identifizierung mit der Entfremdung und inhumanen
Formen. Die grellen Haarfarben der Szene dienen nicht der Provokation wie beim
Punk, sondern der Erweiterung eines als zu eng empfundenen natürlichen
Spektrums von Haarfarben, als Hinweis auf eine neue Spezies. Diese Spezies benötigt
eigene Räume, in denen sie sich entfalten kann. Techno-Discos und temporäre
Megaraves der 90er finden u.a. in gigantischen Fabrikhallen in Anlehnung an
die englischen, allerdings illegalen, Warehouse Partys statt. Der Club bietet
sich als wöchentliches Kontinuum in einer konkreten Location an. Für
die großen Events werden in Deutschland einfach verfügbare Multifunktionsräume
genutzt. Um den Raum zu einem spezifischen Rave Raum zu machen, ist eine besondere
Gestaltung durch Deko, Licht und Animationen notwendig.
Die Techno und House Szene verschwindet am Wochenende stundenweise oder ganz
in diesen vom Alltag abgeschlossenen Räumen. Um das Abtauchen am Wochenende
perfekt zu machen, müssen die Räume stark abgedunkelt werden, damit
die Lichtgewitter besser zur Geltung kommen. Es gibt auf ein bestimmtes Farbspektrum
reduzierte, computergesteuerte Lichteffekte, viel weißes Licht und Stroboskopblitze.
Der Raum verwandelt sich in einen immateriellen Kosmos, in eine Parallelwelt,
die Ähnlichkeit mit computererzeugten virtuellen Realitäten hat. Der
meist kastenartige, viereckige Raum wird durch Effekte wie Stroboskop, Nebel,
Schwarzlicht zum Monitor. Diese Gestaltungselemente nehmen Bezug auf das Innenleben
eines Bildschirms, nur daß diese quasi nach außen gestülpt
werden. Die farbliche Gestaltung der Räume -Beschränkung auf bestimmte
Farben, viel weißes Licht- folgt dem Prinzip der Farbseparation, dem Aufbau
der Bildschirminformation aus einzelnen Farbpunkten und -zeilen.
Die Lichtgestaltung dient nicht der Verschönerung des Raumes. Licht und
Projektionen heben den Raum in eine andere Dimension. Durch die meist dunklen
Böden und die Lichtführung sind die Räume nach unten hin abgeschlossen
und nach oben hin geöffnet. Raumgestaltung und Kleidung suggerieren kalkuliertes
Abheben ohne den Bodenkontakt zu verlieren, wie z.B. durch die Buffalo Plateauschuhe,
die wie bei den ersten Astronauten trotz Schwerelosigkeit, Bodenhaftung herstellen.
Das Stroboskop dient nicht der stimmungsvollen Raumgestaltung, sondern der Erzeugung
von Ekstase und Desorientierung, der punktuellen Suspendierung von Raum- und
Zeitgefühl. Die Tanzenden treten in einen körperlich-mentalen Raum
ein, der sich von alltäglichen Raum-und Zeitkategorien abgelöst hat
und durch Abstraktion, Auflösung von Gegensätzen und Gegenständlichem
bestimmt ist. Durch die Reduktion des Materiellen (Beispiel der Berliner TechnoClub
Tresor in den Gründungsjahren) bieten diese Räume wenig statische
Punkte, an denen man sich orientieren kann. Nur die anderen Tanzenden, die aber
wieder im Dunkel des Raumes verschwinden, bestätigen die eigene Anwesenheit.
Die touchiness der Szene, der Wunsch nach Berührung, dient vor allem der
Versicherung, ob das Gegenüber auch wirklich körperlich anwesend ist.
Ruhezonen fehlen, außer in speziellen Chill Out Räumen. Die Räume
sind weder auf Verweilen, noch auf Sitzen oder verbale Kommunikation ausgerichtet,
sondern in erster Linie auf Tanzen. So dienen eventuell vorhandene gegenständliche
Elemente, wie Plattformen, dem Gogodancing, dem Herausheben einzelner Tanzender,
nicht dem Ausruhen. Die Entleerung der Räume von aller Gegenständlichkeit
läßt nur unbedingt notwendige infrastrukturelle Elemente, wie die
Theke und das DJ Pult, als Objekte zu.
Die Szene hat sich dunkle Keller, Bunker oder Tresore, alte Elektrizitätswerke
angeeignet. Für Außenstehende scheint der Türsteher des Clubs
Tresor das Tor zu den sieben Kreisen eines höllischen Infernos zu öffnen,
in denen verdammte Jugendliche zwanghaft die Sisyphos-Aufgabe des "sinnlosen
Tanzexzesses" erfüllen: Nebel und Rauchschwaden und der gleichmäßige
Schlag der Bassdrum quellen aus der Türöffnung. Raum, Musik und Licht
bringen zusammen so etwas wie eine schöpferische Urgewalt hervor. Ein gewisser
Zwangscharakter liegt in der Kombination von starken akkustischen und visuellen
Reizen.
Der Tresor, die einstige Keimzelle der Berliner Techno Szene mit seinen Schließfächern
und Gittern, symbolisiert das freiwillige Wegschließen von der Außenwelt.
Diese Abgeschlossenheit gilt auch für Clubs, die sich auf House spezialisiert
haben. Diese Räume sind allerdings anders gestaltet. Hier findet eine Überbetonung
des Materials und des Ornamentalen statt. Die Interieurs sind geprägt durch
Goldrahmen, roten Plüsch, barocken Bordellkitsch, (oft sind die Clubs in
ehemaligen Bordellen untergebracht, z.B. das Unique in der Altstadt von Düsseldorf),
Brokattapeten, Lavalampen und viele Accessoires, die von einer Kultivierung
des schlechten, trashigen Geschmacks der 70er Jahre in Kombination mit Gelsenkirchener
Barock zeugen. House-Tanzräume sind materialbezogene Retro-Räume.
Die Vorliebe für süßliche Devotionalien ist auf die Übertragung
des Prinzips der Travestie auf die Gestaltung zurückzuführen. Es ist
die künstlich-ekstatische Übertreibung des "Weiblichen",
ein Hinweis auf die Existenz einer schwulen Kultur mit eigener "Ästhetik".
Die sehr persönliche Ausstattung dieser Clubs ist kennzeichnend, auch ein
Wohnzimmer kann zum Partyraum werden oder zu seinem Vorbild. Der durch Designer-Chic
geprägten Lebenswelt und dem Feiern in den Ruinen ehemaliger Industriehallen
wird das verpönte Prinzip großmütterlicher Gemütlichkeit
und eine kleinbürgerliche Version des eines rokkokohaft verspielten Salons
entgegengesetzt.
Nach dem Besuch eines House-Clubs oder eines Techno-Event als ekstatischer Ausflug
in eine virtuelle Zukunft, fädeln sich die nächtlichen Partynomaden
nach den Wochenenden frühmorgens wieder in den Alltag ein. Auch die illegalen
Parties des Undergrounds, die anonyme genormte und vernachlässigte Un-Orte
wie Tunnel, Durchgänge, Räume unter Autobahnbrücken, Tiefgaragen
und Baustellen nutzen, fallen in Deutschland im Gegensatz zu englischen Raves
meist nicht weiter auf. Es sind Orte des Verfalls oder des Unfertigen, des Durchgangsverkehrs,
ungemütliche Orte, die nicht zum Verweilen einladen. Die nächtliche
Besetzung gleicht einem Spuk, die Partybesetzung hat nichts mehr mit der Aneignung
von Raum wie bei den Hausbesetzern zu tun. Die Partynomaden können diese
Orte überall finden. Sie halten nicht an einem bestimmten Ort fest.
Die mittlerweile zahlreichen Paraden (Love Parade Berlin, Streetparade Zürich,
Union Move München, Hamburg G-Move...) und Umzüge sind ihr Zeichen
von körperlicher Präsenz auf den Straßen. Damit erobert die
Techno und House-Szene punktuell die Straße, die bisher von jugendkulturellen
Szenen als Tanzraum in der Art und Weise noch nicht erschlossen worden ist.
Sie kämpft für ihr Recht auf Party und Abfeiern, was vor dem Hintergrund
der Criminal Justice Bill in England auch ein Grundrecht sein kann. Die Besetzung
des öffentlichen Raums als Partyzone bei Tag konzentriert sich auf die
Hauptverkehrsadern in den Zentren der Städte. Durch das explosionsartige
Anwachsen von Paraden (Loveparade 1994 100 000 Menschen, 1999 1 Million Menschen),
der Kommerzialisierung (MTV, Junge Union Wagen auf der Loveparade) und der Etablierung
als Teil der Städtewerbung relativiert sich der subversive Charakter dieser
öffentliche Demonstration von körperlicher Präsenz allerdings
mehr zu einer Art Karneval oder Kirmes. Dieses Form des Feierns ist damit in
das öffentliche Brauchtum übergegangen.
Die Paraden sind aber nur einmaliges geisterhaftes Erscheinen für ein Wochenende,
Selbstversicherung der Globalität der Community. Sonst sind Tanz und Rausch
weniger öffentlich und dienen der punktuellen Wiedererlangung einer sozialen
Kommunikationsfähigkeit auf lokaler Ebene, auch wenn der Austausch von
Informationen und Energie auf dem sehr reduzierten Level der Gestik und optischer
Reflexion stattfindet. Die nonverbalen tänzerischen Gesten sind Senden
und Empfangen von Signalen. Die momenthafte Existenz im Raum/Monitor wird nur
dann bestätigt, wenn die Körper von Lichtbündeln getroffen, Licht
zurückwerfen. Der tanzende Körper produziert durch einen sehr hohen
Energieaufwand eine minimale dialogische, binäre Kommunikation, -ähnlich
wie Computer neben der Rechenleistung vor allem Hitze erzeugt-, die zudem Analogien
zu anonymisierten und reduzierten Dialogformen im Internet erlaubt. Die Betonung
der Arm- und Handbewegungen als Extension des Körpers und das auf der Stelle-Verhaftetsein
verweisen auf Parallelen zur Fortbewegung im Cyberspace. Im Gegensatz zu Cyberspace
und Netzkommunikation wird der Körper miteinbezogen und damit seine Ausgrenzung
aus den Arbeitsformen der Informations- und Kommunikationsgesellschaft kompensiert.
Fluoreszierende Materialien sind aufgrund ihrer eigenen Flüchtigkeit als
Lichterscheinungen nicht paradox erscheinende Gegenmittel gegen die Verflüchtigung
des Körpers im virtuellen Raum des Rave Events, sondern zeigen die Widersprüchlichkeit
einer körperlichen Existenz in virtuellen Räumen. In der freiwilligen
Transformation des Körpers in eine immaterielle, punktuelle Lichterscheinung
wird Kommunikation mit dem Gegenüber einerseits auf Distanz gehalten, andererseits
gesucht. Aufgrund der Lichtgestaltung der Techno-Räume, die fragmentierte
Bewegungen, wie in nicht in Echtzeit laufen Stummfilmen hervorbringen, werden
die Mittanzenden wie im Film wahrgenommen, als künstliche Gestalten mit
merkwürdigen Bewegungen.
Indem sich die Tanzenden wie in einem Bildschirm bewegen, sind sie also eingetreten
in den Raum der Medien, wie in den Cyberspace. Sie stehen nicht mehr frontal
zu den Bildern und Projektionen, sondern sind ein Teil von ihnen. Effekte, Licht
und Musik lassen zusammen mit den Tanzenden einen abstrahierten Videoclip entstehen,
der nichts abbildet außer sich selbst. Die konsequente Repetition und
das Kreisen um die Leere zeigen, daß es sich bei Techno um einen zeitgemäßen
stilistischen Kommentar zu den Prinzipien einer Informations- und Konsumgesellschaft
handelt.
Die vorangegangene Analyse hat gezeigt, daß Tanz als non-verbale Kommunikationsform,
die sich in prägnanten gestalterischen Formen äußert, in Interdepenz
zu Musik, Mode und Raum eine Ästhetik produziert, die sich nicht auf den
Freizeit- und Vergnügungsaspekt reduzieren lässt, sondern einen verschobenen
Kommentar zur gesellschaftlichen Formen darbietet. Tanz, Mode und Musik der
Techno- und House Szene sind integrierende Mechanismen, die zur Bildung internationaler
Stammeskulturen (tribes) führen, die als Wahlgemeinschaften und -familien
teilweise alte soziale Bindungen ersetzen und an Vergemeinschaftungsformen außereuropäischer
Kulturen anknüpfen. Die Selbstettikettierung als Stammesgemeinschaft und
Familie weist auf die als Mangel empfundene Tatsache der fehlenden Einbindung
in größere soziale Gefüge hin. Tanz und Musik erhalten durch
diesen Prozeß der Selbst-Tribalisierung ihre rituelle Bedeutung zurück.
Sie werden als verbindendes soziales Element zum Mittelpunkt der kultgleichen
Feiern. Mit der Re-ethnisierung werden negativ besetzte und für die gesellschaftliche
Reproduktion unwichtige Freizeitaktivitäten wie Tanzen und damit verbundene
Zustände wie Rausch und Ekstase, monotoner Rhythmus zu positiven Zeichen
für die Erprobung neuer sozialer Formen.
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